Einheit 10 — Stilistik und Rhetorik
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: C1
Lernziele Link zu Überschrift
- Ich kann sechs rhetorische Figuren — Anapher, Klimax, Chiasmus, Antithese, Parallelismus, rhetorische Frage — in einem Text identifizieren und terminologisch korrekt benennen.
- Ich kann die Wirkung einer Figur nicht nur behaupten, sondern aus ihrer sprachlichen Form ableiten und in einer textgebundenen Analyse begründen.
- Ich kann Register und Duktus eines Textes bestimmen und beurteilen, wann ein Stilmittel die Aussage stützt und wann es ins Pathos oder in die Manipulation kippt.
- Ich kann eine kurze, stilistisch markierte Rede planen, halten und im Anschluss die eingesetzten Mittel metasprachlich reflektieren.
- Kann-Beschreibung (GER): Ich setze stilistische Mittel bewusst ein, halte eine stilistisch markierte Rede und kenne Begriffe wie Anapher, Klimax, Chiasmus.
Einstieg Link zu Überschrift
Zwei Sätze, dieselbe Information. Erstens: „Die Reform betrifft viele Menschen und sollte sorgfältig geprüft werden." Zweitens: „Sie betrifft die Schwächsten. Sie betrifft die Mitte. Sie betrifft uns alle — und wir prüfen sie im Vorbeigehen?" Der Inhalt ist nahezu identisch; die Wirkung ist es nicht. Der zweite Satz zwingt zum Zuhören, der erste entlässt uns in die Gleichgültigkeit.
Rhetorik ist die alte Kunst, genau diesen Unterschied zu kontrollieren — nicht was gesagt wird, sondern wie es Gehör findet. Wer sie beherrscht, kann überzeugen; wer sie nur erleidet, wird überredet. In dieser Einheit zerlegen wir den Mechanismus: Wir benennen die Figuren, prüfen ihre Wirkung an der Form und lernen, die Grenze zwischen Präzision und Effekthascherei zu ziehen.
Aktivierungsfragen:
- Welche stilistische Figur begegnet Ihnen am häufigsten — in Werbung, Politik oder Wissenschaft — und woran erkennen Sie sie?
- Wann empfinden Sie eine Wiederholung als eindringlich, wann als bloße Pose?
- Lässt sich die Wirkung eines Stilmittels objektiv begründen, oder bleibt sie Geschmackssache?
Input Link zu Überschrift
A. Wortschatz: Stilfiguren und ihre Analyse Link zu Überschrift
| Begriff | Knapp erklärt |
|---|---|
| die Stilfigur / rhetorische Figur | bewusst geformte, von der Norm abweichende sprachliche Gestalt |
| die Anapher | Wiederholung eines Wortes am Anfang aufeinanderfolgender Sätze/Verse |
| die Klimax | dreigliedrige Steigerung zu einem inhaltlichen Höhepunkt |
| der Chiasmus | Überkreuzstellung nach dem Muster a–b–b–a |
| die Antithese | zugespitzte Gegenüberstellung zweier Begriffe |
| der Parallelismus | gleicher syntaktischer Bau in aufeinanderfolgenden Gliedern |
| die rhetorische Frage | Frage, deren Antwort schon vorausgesetzt wird |
| das Trikolon / die Dreierfigur | Reihung von drei gleichrangigen Gliedern |
| das Register / die Sprachebene | situativ angemessene Stillage (formell, neutral, salopp) |
| der Duktus | die durchgehende sprachliche „Gangart" eines Textes |
| die Emphase | nachdrückliche, gefühlsbetonte Hervorhebung |
| das Pathos | feierlich-erhabener, emotional aufgeladener Ton |
| die Persuasion | die zielgerichtete Überzeugungswirkung eines Textes |
| die Ambivalenz | Doppelwertigkeit: ein Mittel überzeugt und manipuliert zugleich |
B. Grammatikbox: Wirkung beschreiben und Urteile absichern Link zu Überschrift
Eine textgebundene Analyse auf C1-Niveau behauptet die Wirkung nicht, sie leitet sie ab und markiert zugleich, wie sicher das Urteil ist. Dafür brauchen Sie zwei Register: Funktionsverben der Wirkungsbeschreibung und hedgende (absichernde) Wendungen.
| Funktion | Mittel | Beispiel |
|---|---|---|
| Wirkung zuschreiben | bewirkt, erzeugt, verstärkt, verleiht … Nachdruck, unterstreicht | Die Anapher erzeugt einen insistierenden Rhythmus. |
| Wirkung ableiten (kausal) | dadurch, indem, insofern als, so dass | Indem sich der Satzanfang wiederholt, rückt das Subjekt ins Zentrum. |
| Urteil absichern (Hedging) | dürfte, ließe sich, man könnte argumentieren, es liegt nahe, offenbar, tendenziell | Die Klimax dürfte hier bewusst platziert sein. |
| Einschränken | zwar … doch, freilich, allerdings, gleichwohl | Der Effekt ist stark; freilich droht er bei Wiederholung zu verpuffen. |
Merksatz: Zwischen Form und Wirkung liegt immer ein Deutungsschritt. Wer diesen Schritt mit indem oder dadurch, dass* sichtbar macht, analysiert; wer ihn überspringt, etikettiert nur.
C. Kurztext 1 (original, S. Le Boulanger): Ein rhetorisches Präparat Link zu Überschrift
Wir haben geplant. Wir haben gebaut. Wir haben — im letzten Moment — gezögert. Ein Zögern ist kein Fehler; ein Zögern, das zur Gewohnheit wird, ist eine Entscheidung. Wer heute nichts wagt, verwaltet morgen nur noch, was andere gewagt haben. Also fragen wir uns nicht, ob wir handeln können. Wir fragen uns, ob wir es wollen. Und wenn wir es wollen: Worauf, um alles in der Welt, warten wir dann noch?
(6 Figuren sind in diesem Präparat versteckt — Sie bergen sie in Aufgabe 1.)
D. Kurztext 2 (original, S. Le Boulanger): Warum Wirkung aus der Form kommt Link zu Überschrift
Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Stilfiguren für bloßen Zierrat zu halten — für ein Ornament, das man dem eigentlichen Gedanken nachträglich aufsetzt. Die genauere Beobachtung zeigt das Gegenteil: Die Figur ist selbst schon ein Argument, weil sie die Wahrnehmung des Lesers lenkt, bevor dieser über den Inhalt urteilt.
Man betrachte die Anapher. Ihre Wirkung entsteht nicht aus dem wiederholten Wort als solchem, sondern aus der Erwartung, die es aufbaut. Sobald ein Satzanfang zum dritten Mal identisch beginnt, rechnet das Ohr mit der Fortsetzung des Musters — und genau diese Erwartung kann der Redner erfüllen (Bestätigung, Sog) oder brechen (Überraschung, Pointe). Die Figur schafft also einen Raum, in dem Zustimmung und Widerspruch überhaupt erst spürbar werden.
Analog verhält es sich mit dem Chiasmus. Die Überkreuzstellung a–b–b–a zwingt zwei Begriffe in ein Spiegelverhältnis; sie suggeriert eine Symmetrie, die im Sachverhalt gar nicht vorliegen muss. Eben darin liegt ihre Ambivalenz: Dieselbe Form, die einen Gedanken elegant verdichtet, kann eine scheinbare Ausgewogenheit vortäuschen, wo in Wahrheit eine einseitige Behauptung steht. Wer Stilmittel analysiert, prüft daher stets beides — den ästhetischen Gewinn und das persuasive Risiko.
Die Konsequenz für den eigenen Sprachgebrauch ist weniger ein Verbot als eine Verpflichtung zur Bewusstheit: Nicht ob man Figuren verwendet, ist die Frage — man verwendet sie ohnehin unwillkürlich —, sondern ob man weiß, was sie tun. Erst dieses Wissen unterscheidet die überzeugende Rede von der manipulativen.
E. Kontext (recherchiert und paraphrasiert) Link zu Überschrift
Die abendländische Rhetorik unterscheidet seit der Antike zwischen den Wortfiguren (Figuren der Anordnung, etwa Anapher, Parallelismus, Chiasmus) und den Tropen (Figuren der Bedeutungsübertragung, etwa Metapher und Ironie); die Anapher gilt dabei als Wiederholung gleicher Anfangswörter zur Rhythmisierung und Hervorhebung. [Fakt: dt. Wikipedia, Anapher, CC BY-SA.] Dass die Wirkung des Sprechens nicht erst am fertigen Gedanken ansetzt, sondern der Gedanke sich im Reden allmählich bildet, hat Heinrich von Kleist in einem berühmten, erst posthum (1878) veröffentlichten Essay entwickelt. [Fakt: dt. Wikipedia, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.] Kleists Ratschlag ist heute noch als rhetorische Maxime zitierfähig — er formuliert ihn gemeinfrei so:
„Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen." — Heinrich von Kleist, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (entst. um 1805, ersch. 1878), Public Domain.
Die Passage illustriert das Thema der Einheit auf zweiter Ebene: Form und Denken sind nicht zu trennen; auch die Figur ist ein Werkzeug des Denkens, nicht bloß seiner Verzierung.
Üben Link zu Überschrift
Aufgabe 1 — Figuren bergen (Grundstufe) Link zu Überschrift
Lesen Sie Kurztext 1 (Abschnitt C) erneut. Benennen Sie sechs Stilfiguren und geben Sie jeweils das Textsignal an, an dem Sie die Figur erkennen.
Aufgabe 2 — Form und Wirkung koppeln (Kernaufgabe) Link zu Überschrift
Ordnen Sie jeder Figur die passende Wirkungsbeschreibung zu. Nutzen Sie danach die Grammatikbox (B), um zu zwei Paaren einen vollständigen Ableitungssatz (indem …/dadurch, dass …) zu bilden.
| Figur | Wirkung | |
|---|---|---|
| 1 Anapher | a schafft eine spiegelnde Symmetrie, die Ausgewogenheit suggeriert | |
| 2 Klimax | b bindet das Publikum ein und unterstellt Zustimmung | |
| 3 Chiasmus | c erzeugt insistierenden Rhythmus und rückt das wiederholte Wort ins Zentrum | |
| 4 rhetorische Frage | d steigert zum Höhepunkt und lenkt die Aufmerksamkeit auf das letzte Glied |
Aufgabe 3 — Eigene Anwendung (Kernaufgabe) Link zu Überschrift
Schreiben Sie zu jedem Thema einen Satz mit der geforderten Figur — und fügen Sie in Klammern eine Wirkungsabsicht hinzu.
- Mehrsprachigkeit — mit Anapher.
- Verantwortung — mit Antithese.
- Zeit — mit Chiasmus.
Aufgabe 4 — Das persuasive Risiko benennen (Erweiterung) Link zu Überschrift
Der Chiasmus „Nicht das Land braucht euch, sondern ihr braucht das Land" klingt ausgewogen. Erläutern Sie in ca. 60 Wörtern, warum die Form hier eine Symmetrie vortäuscht, die im Inhalt gar nicht vorliegt. Verwenden Sie mindestens zwei hedgende Wendungen aus der Grammatikbox.
Differenzierung
- Leichter: In Aufgabe 1 genügen vier Figuren; Aufgabe 4 entfällt. Für Aufgabe 2 reicht die Zuordnung ohne Ableitungssatz.
- Anspruchsvoller: Ergänzen Sie in Aufgabe 3 zu jedem Satz eine zweite Fassung, in der dieselbe Figur ins Pathos kippt — und benennen Sie den Kipppunkt.
Lösungen
Aufgabe 1 (Muster).
- Anapher — dreifaches „Wir haben …" am Satzanfang.
- Trikolon/Klimax — „geplant – gebaut – gezögert", Dreierreihung mit ironischer Zuspitzung auf das schwächste Glied.
- Antithese — „kein Fehler" ↔ „eine Entscheidung".
- Chiasmus — „heute nichts wagt … morgen nur noch verwaltet, was andere gewagt haben" (wagen–verwalten–verwalten–wagen).
- Parallelismus — „ob wir handeln können / ob wir es wollen" (gleicher Satzbau).
- Rhetorische Frage — „Worauf … warten wir dann noch?"
Aufgabe 2. 1–c · 2–d · 3–a · 4–b. Ableitungssatz-Muster: Indem sich der Satzanfang dreimal wiederholt (Anapher), baut sich eine Erwartung auf, dadurch rückt das Subjekt ins Zentrum.
Aufgabe 3 (Muster).
- Mehrsprachig zu sein heißt, mehr zu hören; mehrsprachig zu sein heißt, mehr zu meinen; mehrsprachig zu sein heißt, mehr zu sein. (Absicht: kumulativer Sog, Aufwertung.)
- Verantwortung ist nicht laut, aber unausweichlich. (Absicht: Pointierung durch Kontrast.)
- Wir verlieren Zeit, wenn wir zaudern; wir gewinnen Zeit, wenn wir sie verlieren zu dürfen wagen. (Absicht: paradoxe Verdichtung.)
Aufgabe 4 (Muster). Die Überkreuzstellung stellt „Land" und „ihr" formal gleichrangig gegenüber und suggeriert damit ein wechselseitiges Verhältnis. Tatsächlich behauptet der Satz aber nur eine Richtung der Abhängigkeit; die zweite Hälfte hebt die erste nicht auf, sondern verstärkt sie. Man könnte einwenden, die Symmetrie sei bloß akustisch, nicht logisch — die Ausgewogenheit dürfte hier eher rhetorisch inszeniert als sachlich begründet sein.
Anwenden Link zu Überschrift
Produktionsaufgabe (Sprechen, C1, ca. 4 Min): Rede mit Stil-Anker.
Wählen Sie ein Thema aus Ihrem Berufs-, Studien- oder gesellschaftlichen Umfeld (z. B. Ehrenamt, Weiterbildung, Digitalisierung). Konzipieren Sie eine kurze Rede, in der Sie mindestens drei rhetorische Figuren bewusst und funktional einsetzen. Halten Sie die Rede möglichst frei. Schließen Sie mit einer metasprachlichen Coda von 30–40 Sekunden ab, in der Sie explizit benennen, welche Figuren Sie verwendet haben und welche Wirkung Sie damit erzielen wollten.
Schriftliche Variante (Schreiben, C1, ca. 250 Wörter): Erörterung. Nehmen Sie strukturiert Stellung zu der Frage:
„Ist der bewusste Einsatz rhetorischer Figuren ein Zeichen von Redlichkeit oder von Manipulation?"
Bauen Sie dreiteilig: These → Antithese (fair dargestellt) → Synthese/Urteil. Stützen Sie jede Position mit einem konkreten Beispiel und setzen Sie mindestens drei hedgende Wendungen aus der Grammatikbox ein.
Bewertungskriterien:
| Kriterium | gut erfüllt | teils erfüllt | nicht erfüllt |
|---|---|---|---|
| Figurenrepertoire | ≥ 3 Figuren, korrekt eingesetzt | 2 Figuren, teils schief | keine erkennbar/falsch |
| Form-Wirkungs-Bezug | Wirkung präzise abgeleitet | Wirkung nur behauptet | kein Bezug |
| Register & Duktus | durchgehend C1-angemessen | überwiegend passend | Brüche/Registerfehler |
| Metareflexion (Coda) | Figuren benannt + begründet | nur benannt | fehlt |
| Sprachliche Angemessenheit | präzise, variabel, flüssig | überwiegend korrekt | häufige Brüche |
Prüfung Link zu Überschrift
Format: GER C1, Modul Sprechen — Teil 1 (Vortrag) + Teil 2 (Diskussion).
Teil 1 — Vortrag (Vorbereitung 10 Min, Vortrag ca. 4 Min):
Halten Sie einen strukturierten Kurzvortrag zum Thema „Stil im Beruf — wann ist sprachliche Ausschmückung eine Hilfe, wann ein Hindernis?" Gliedern Sie in Einleitung, zwei bis drei Argumentationsschritte und Fazit. Setzen Sie mindestens zwei rhetorische Figuren gezielt ein.
Teil 2 — Diskussion (ca. 5 Min):
Nehmen Sie Stellung zu der These: „Eine Pressemitteilung sollte ohne rhetorische Figuren auskommen — alles andere ist Manipulation." Eine Person vertritt die These, die andere widerspricht; danach folgt eine freie Replikrunde. Gehen Sie auf mindestens ein Argument des Gegenübers ein und räumen Sie es konzessiv ein, bevor Sie es entkräften.
Bewertung (Punkte, max. 20):
| Kriterium | Punkte | Beschreibung |
|---|---|---|
| Aufgabenerfüllung & Gliederung (Teil 1) | 0–4 | Thema getroffen, klar strukturiert, Fazit vorhanden |
| Funktionaler Figureneinsatz (Teil 1) | 0–4 | ≥ 2 Figuren korrekt und wirkungsvoll |
| Interaktion & konzessives Eingehen (Teil 2) | 0–4 | Gegenargument fair eingeräumt und entkräftet |
| Argumentative Tiefe (Teil 2) | 0–4 | differenziert, mit Beispiel, ohne Strohmann |
| Aussprache, Register & Flüssigkeit | 0–4 | C1-angemessen, verständlich, kaum Brüche |
Bestanden ab 12 Punkten; für „gut" ≥ 16 Punkte.
Bewertungshinweis für die Prüfenden
Achten Sie darauf, dass Figuren nicht nur vorkommen, sondern eine erkennbare Funktion erfüllen. Ein Trikolon, das keine Steigerung trägt, oder eine rhetorische Frage ohne Adressatenbezug bleibt Dekoration und zählt nicht als „funktionaler" Einsatz. In Teil 2 ist die konzessive Bewegung (zwar … doch) das entscheidende Signal für diskursive Reife.
Reflexion Link zu Überschrift
- Ich kann sechs rhetorische Figuren sicher benennen und im Text am sprachlichen Signal erkennen.
- Ich kann die Wirkung einer Figur aus ihrer Form ableiten, statt sie nur zu behaupten.
- Ich kann Register und Duktus eines Textes bestimmen und Registerbrüche erkennen.
- Ich kann eine Figur bewusst einsetzen — und im Nachhinein metasprachlich erklären, warum.
- Ich erkenne die Ambivalenz: dasselbe Mittel kann überzeugen und manipulieren, und ich kann diese Grenze benennen.
Hinweise für Lehrkräfte Link zu Überschrift
Zeitraster (45 Minuten): Einstieg 5’ (Satzvergleich im Plenum) · Input 12’ (Wortschatz + Grammatikbox lehrergesteuert, Kurztext 2 in Stillarbeit) · Üben 15’ (Aufgaben 1–3 in Paaren, Aufgabe 4 optional) · Anwenden/Prüfungsvorschau 13’ (eine Rede exemplarisch, Coda gemeinsam auswerten). Für einen zweiten 45-Minuten-Block: volle Redungen mit Peer-Feedback und Prüfungssimulation Teil 2.
Sozialformen: Der Einstieg lebt vom lauten Vorlesen beider Satzvarianten — der Wirkungsunterschied wird erst hörbar überzeugend. Aufgabe 2 in Partnerarbeit (Zuordnung schnell, Ableitungssatz anspruchsvoll). Die Reden (Anwenden) in Kleingruppen zu dritt: Redner — Zuhörer:in mit Figuren-Checkliste — Zeitwächter:in; rotieren lassen.
Differenzierung: Schwächeren Lernenden das Satzgerüst „Indem …, bewirkt die Figur, dass …" an die Hand geben; stärkeren die Zusatzaufgabe stellen, denselben Gedanken einmal pathetisch und einmal nüchtern zu formulieren und den Registerunterschied zu benennen. Wer sehr schnell ist, analysiert Kleists Essay-Eröffnung (Abschnitt E) auf ihren eigenen Duktus hin.
Typische Stolperfallen: (1) Figuren werden etikettiert, aber die Wirkung nicht abgeleitet — bestehen Sie auf dem indem-Schritt. (2) „Klimax" wird mit jeder Aufzählung verwechselt; ohne Steigerung ist es nur ein Trikolon. (3) Stil-Übermaß wirkt im Deutschen oft pathetischer als in romanischen Sprachen — warnen Sie mehrsprachige Lernende vor der wörtlichen Übertragung. (4) „Anapher" (Figur) ≠ „Anaphylaxie" (Medizin) — ein beliebter, hier bewusst benannter Verwechsler.
Hinweis zur Nicht-Affiliation: Alle Stimulus- und Übungstexte (A, C, D, E-Rahmen) sind original für diese Einheit von S. Le Boulanger verfasst. Wörtlich zitiert wird ausschließlich eine kurze, gemeinfreie Passage aus Kleists Essay, mit Quellenangabe.
Quellen Link zu Überschrift
- Anapher (Enzyklopädie-Artikel: Definition, Wortfigur, Abgrenzung zur Tropik) — Wikipedia-Autor:innen (dt. Wikipedia) (abgerufen 2026-07-21), https://de.wikipedia.org/wiki/Anapher, CC BY-SA 4.0.
- Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (Werk- und Entstehungskontext) — Wikipedia-Autor:innen (dt. Wikipedia) (abgerufen 2026-07-21), https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_die_allm%C3%A4hliche_Verfertigung_der_Gedanken_beim_Reden, CC BY-SA 4.0.
- Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (gemeinfreier Volltext, zitierte Eröffnungspassage) — Heinrich von Kleist (entst. um 1805; ersch. 1878; Wikisource-Transkription), https://de.wikisource.org/wiki/Ueber_die_allm%C3%A4hliche_Verfertigung_der_Gedanken_beim_Reden, Public Domain (Autor verstorben 1811); Wikisource-Transkription CC BY-SA.
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die Stilfigur / rhetorische Figur · die Anapher · die Klimax · der Chiasmus · die Antithese · der Parallelismus · die rhetorische Frage · das Trikolon / die Dreierfigur · das Register / die Sprachebene · der Duktus · die Emphase · das Pathos · die Persuasion · die Ambivalenz
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Wirkung zuschreiben · Wirkung ableiten (kausal) · Urteil absichern (Hedging) · Einschränken
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Wir haben geplant. Wir haben gebaut. Wir haben — im letzten Moment —
gezögert. Ein Zögern ist kein Fehler; ein Zögern, das zur Gewohnheit
wird, ist eine Entscheidung. Wer heute nichts wagt, verwaltet
morgen nur noch, was andere gewagt haben. Also fragen wir uns nicht,
ob wir handeln können. Wir fragen uns, ob wir es wollen. Und wenn
wir es wollen: Worauf, um alles in der Welt, warten wir dann noch?
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Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Stilfiguren für
bloßen Zierrat zu halten — für ein Ornament, das man dem eigentlichen
Gedanken nachträglich aufsetzt. Die genauere Beobachtung zeigt das
Gegenteil: Die Figur ist selbst schon ein Argument, weil sie die
Wahrnehmung des Lesers lenkt, bevor dieser über den Inhalt urteilt.
Man betrachte die Anapher. Ihre Wirkung entsteht nicht aus dem
wiederholten Wort als solchem, sondern aus der Erwartung, die es
aufbaut. Sobald ein Satzanfang zum dritten Mal identisch beginnt,
rechnet das Ohr mit der Fortsetzung des Musters — und genau diese
Erwartung kann der Redner erfüllen (Bestätigung, Sog) oder brechen
(Überraschung, Pointe). Die Figur schafft also einen Raum, in dem
Zustimmung und Widerspruch überhaupt erst spürbar werden.
Analog verhält es sich mit dem Chiasmus. Die Überkreuzstellung
a–b–b–a zwingt zwei Begriffe in ein Spiegelverhältnis; sie
suggeriert eine Symmetrie, die im Sachverhalt gar nicht vorliegen
muss. Eben darin liegt ihre Ambivalenz: Dieselbe Form, die einen
Gedanken elegant verdichtet, kann eine scheinbare Ausgewogenheit
vortäuschen, wo in Wahrheit eine einseitige Behauptung steht. Wer
Stilmittel analysiert, prüft daher stets beides — den ästhetischen
Gewinn und das persuasive Risiko.
Die Konsequenz für den eigenen Sprachgebrauch ist weniger ein
Verbot als eine Verpflichtung zur Bewusstheit: Nicht ob man
Figuren verwendet, ist die Frage — man verwendet sie ohnehin
unwillkürlich —, sondern ob man weiß, was sie tun. Erst dieses
Wissen unterscheidet die überzeugende Rede von der manipulativen.
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„Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden
kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem
nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen."
— Heinrich von Kleist, *Über die allmähliche Verfertigung der
Gedanken beim Reden* (entst. um 1805, ersch. 1878), Public Domain.
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1 Anapher · 2 Klimax · 3 Chiasmus · 4 rhetorische Frage
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Figurenrepertoire · Form-Wirkungs-Bezug · Register & Duktus · Metareflexion (Coda) · Sprachliche Angemessenheit
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Halten Sie einen strukturierten Kurzvortrag zum Thema *„Stil im
Beruf — wann ist sprachliche Ausschmückung eine Hilfe, wann ein
Hindernis?"* Gliedern Sie in Einleitung, zwei bis drei
Argumentationsschritte und Fazit. Setzen Sie mindestens zwei
rhetorische Figuren gezielt ein.
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Nehmen Sie Stellung zu der These: *„Eine Pressemitteilung sollte
ohne rhetorische Figuren auskommen — alles andere ist
Manipulation."* Eine Person vertritt die These, die andere
widerspricht; danach folgt eine freie Replikrunde. Gehen Sie auf
mindestens ein Argument des Gegenübers ein und räumen Sie es
konzessiv ein, bevor Sie es entkräften.
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Aufgabenerfüllung & Gliederung (Teil 1) · Funktionaler Figureneinsatz (Teil 1) · Interaktion & konzessives Eingehen (Teil 2) · Argumentative Tiefe (Teil 2) · Aussprache, Register & Flüssigkeit

