Einheit 10 — Stilistik und Rhetorik
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: C1
Lernziele Link zu Überschrift
- Ich erkenne und benenne sechs rhetorische Figuren.
- Ich setze sie in einer Rede bewusst ein.
- Ich halte eine 4-Min-Rede mit Stil-Anker.
GER-Ausrichtung Link zu Überschrift
Prüfungsmodul Sprechen — Teil 1 (Vortrag) und Teil 2 (Diskussion).
Einstiegsgeschichte Link zu Überschrift
Die Autorin gibt einen Workshop für DaF-Lehrkräfte zum Thema: „Wie unterrichten wir Stilfiguren ohne Klassizismus, ohne sie trocken werden zu lassen?“ Diese Einheit ist die didaktische Antwort — mit kleinen Stilanwendungen aus dem Alltag.
1. Einstieg Link zu Überschrift
- Welche stilistische Figur fällt Ihnen sofort ein?
- Wann benutzen Sie selbst eine Anapher (Wiederholung am Satzanfang)?
- Wann wirkt Stil pathetisch, wann präzise?
2. Input Link zu Überschrift
A. Sechs Figuren mit eigenen Beispielen Link zu Überschrift
| Figur | Definition | Beispiel (original) |
|---|---|---|
| Anapher | Wiederholung am Satzanfang | „Wir haben gefragt. Wir haben gewartet. Wir haben verloren.“ |
| Klimax | Steigerung | „Eine Idee, ein Plan, ein Ergebnis.“ |
| Antithese | Gegensatz | „Klein im Format, groß in Wirkung.“ |
| Chiasmus | Über-Kreuz-Stellung | „Wir lernen, um zu leben — wir leben, um zu lernen.“ |
| Parallelismus | gleicher Satzbau in Folge | „Sie kam allein. Sie blieb allein. Sie ging allein.“ |
| Rhetorische Frage | Frage ohne Antworterwartung | „Wer kann das noch ernst nehmen?“ |
B. Stil + Wirkung Link zu Überschrift
- Pathos (Gefühlsverstärkung): Anapher + Klimax.
- Präzision: Chiasmus + Antithese.
- Engagement: rhetorische Frage + direkte Anrede.
- Rhythmus: Parallelismus + Drei-Schritt-Listen.
C. Mini-Rede (original, ca. 100 Wörter) Link zu Überschrift
Eine Stadt, die ihre Vergangenheit kennt, kennt ihre Stärken. Eine Stadt, die ihre Vergangenheit verschweigt, verkleinert sich. Eine Stadt, die fragt — die ehrlich fragt, nicht ritual — wird größer als ihre Karte.
Wir reden viel über Erinnerung. Wir bauen Tafeln, wir füllen Sonntagsreden. Aber bauen wir auch Räume, in denen unsere Kinder die Tafeln lesen — und unsere Großeltern sie kommentieren?
3. Üben Link zu Überschrift
Aufgabe 1 — Figuren benennen. In Mini-Rede C: identifizieren Sie drei Figuren.
Aufgabe 2 — Eigene Anwendung. Schreiben Sie zu jedem dieser drei Themen einen Satz mit der angegebenen Figur:
- „Mehrsprachigkeit“ mit Anapher.
- „Verantwortung“ mit Antithese.
- „Hoffnung“ mit Chiasmus.
Aufgabe 3 — Übermaß erkennen. Wann wirkt Stil pathetisch? Geben Sie zwei Hinweise.
Lösungen
Aufgabe 1. Anapher („Eine Stadt, die …“), Parallelismus, sowie rhetorische Frage am Schluss.
Aufgabe 2. Individuell. Muster:
- Mehrsprachig zu sein heißt, mehr zu hören. Mehrsprachig zu sein heißt, mehr zu meinen. Mehrsprachig zu sein heißt, mehr zu sein.
- Verantwortung ist nicht laut, aber unausweichlich.
- Wir hoffen, weil wir handeln; wir handeln, weil wir hoffen.
Aufgabe 3. Pathos kippt bei: Wiederholung ohne neuen Inhalt; Steigerung ohne Verankerung; rhetorische Frage als Drohung.
4. Anwenden Link zu Überschrift
Vortrag (C1, ca. 4 Min): Wählen Sie ein Thema aus Ihrem Berufs-/Studien-Umfeld. Halten Sie eine kurze Rede, in der Sie zwei rhetorische Figuren bewusst einsetzen — und am Ende explizit benennen, welche.
5. Reflexion Link zu Überschrift
- Ich erkenne sechs Figuren.
- Ich setze zwei davon bewusst in einer Rede ein.
- Ich erkenne, wann Stil ins Pathos kippt.
Prüfungsbeispiel — GER C1 Sprechen, Teil 1 + 2 Link zu Überschrift
Aufgabenstellung:
Teil 1 (Vortrag, ca. 4 Min): „Stil im Beruf — wann ist sprachliche Ausschmückung Hilfe, wann Hindernis?“
Teil 2 (Diskussion, ca. 5 Min): „Eine Pressemitteilung sollte ohne rhetorische Figuren auskommen — alles andere ist Manipulation.“
Eine Person vertritt die These, die andere widerspricht.
Zeit: Einstieg 7’ · Input 18’ · Üben 18’ · Anwenden 25’ · Prüfungsvorschau 20'.
Häufige Stolperfallen Link zu Überschrift
- „Anapher“ ≠ „Anaphylaxie“: rhetorische Figur vs. medizinische Reaktion.
- „rhetorische Frage“ ohne Antwort kann manipulativ wirken, wenn die Antwort vorausgesetzt wird.
- Stil-Übermaß wirkt im Deutschen oft pathetischer als in romanischen Sprachen — Vorsicht bei wörtlicher Übersetzung.
Weiterführende Materialien Link zu Überschrift
- Hans-Henrik Ebert: Rhetorik (Reclam).
- Süddeutsche Zeitung „Sprache“ / Glossen: https://www.sueddeutsche.de/

