Einheit 5 — Identität und Sprache: Mehrsprachigkeit als Ressource
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: C1
Lernziele Link zu Überschrift
Ich kann …
- einen Identitätsdiskurs auf seine impliziten Annahmen, seine Wertungen und seine Sprecherperspektive hin lesen — Ich lese Identitätsdiskurse kritisch.
- eine sophistizierte, hedgende Argumentation aufbauen und meine Position essayistisch verdichten — Ich verfasse einen essayistischen Forumsbeitrag (230 Wörter).
- fachterminologisch präzise über Sprachbiografien sprechen — Ich kenne Begriffe wie Translanguaging, Code-Switching, Heritage Speaker.
Einstieg Link zu Überschrift
Zwei Menschen sagen denselben Satz: „Ich spreche eigentlich kein richtiges Deutsch.“ Der eine sagt ihn kokettierend, als Understatement einer promovierten Germanistin. Die andere sagt ihn bitter, nach dem dritten Vorstellungsgespräch, in dem ihr Akzent lauter war als ihr Lebenslauf. Derselbe Wortlaut — zwei Welten. Wer über Sprache spricht, spricht selten nur über Grammatik. Er verhandelt Zugehörigkeit.
Fragen zum Einstieg:
- Welche Sprachen wohnen in Ihrem Alltag — die bewusst gepflegten, die halb verschütteten, die nur noch im Traum oder im Fluchen auftauchenden?
- In welchem Moment wurde Ihnen zum ersten Mal signalisiert, Ihre Sprache sei „nicht richtig“? Wer hat das entschieden — und mit welcher Autorität?
- Angenommen, Mehrsprachigkeit gälte offiziell als Kapital wie ein Hochschulabschluss: Wessen Lebenslauf würde plötzlich länger?
Input Link zu Überschrift
A. Wortschatz — Diskurs über Sprache und Zugehörigkeit Link zu Überschrift
| Ausdruck | Erläuterung / Register |
|---|---|
| die Sprachbiografie | die individuelle Abfolge und Verflechtung erworbener Sprachen |
| das sprachliche Repertoire | die Gesamtheit der einer Person verfügbaren sprachlichen Mittel |
| die Zugehörigkeit (zu etw.) | das Zugehören; Gefühl oder Status der Teilhabe an einer Gruppe |
| die Zuschreibung | das Zuschreiben einer Eigenschaft/Identität von außen |
| das Deutungsmuster | verfestigtes, kollektiv geteiltes Interpretationsschema |
| defizitorientiert (Adj.) | den Mangel, nicht die Ressource betonend |
| die Ressource (hier) | nutzbares Potenzial statt Problem |
| stigmatisieren / die Stigmatisierung | mit einem negativen sozialen Makel versehen |
| die Hegemonie (der Standardsprache) | Vormachtstellung einer als „legitim“ gesetzten Varietät |
| konnotieren / die Konnotation | mitschwingende, wertende Nebenbedeutung |
| essentialisieren | eine Eigenschaft als unveränderliches „Wesen“ setzen |
| die Selbstverortung | das aktive Bestimmen des eigenen Standpunkts |
B. Grammatik-Fokus — Hecken und Distanzierung (hedging) Link zu Überschrift
Wissenschaftlich-essayistisches Hedgen auf C1. Wer klug argumentiert, behauptet selten kategorisch. Vier Werkzeuge:
- Modalisierung: Vieles spricht dafür, dass … · Es liegt nahe, … zu … · Man könnte einwenden, dass …
- Modalpartikeln als Sprecherhaltung: Das ist ja gerade der Punkt. · Sprache ist eben nicht neutral. · So einfach liegt der Fall wohl doch nicht.
- Konzessive Distanzierung: Zwar …, gleichwohl … · So plausibel X klingt, so wenig trägt es, wenn …
- Attributierte Geltung: Aus Sicht der Betroffenen … · Der Befund gilt, sofern man … voraussetzt.
Faustregel: Je stärker die These, desto sichtbarer die Heckung — sonst kippt Argumentation in Behauptung.
C. Lesetext 1 (original) — „Das falsche Kompliment“ Link zu Überschrift
„Sie sprechen aber gut Deutsch!“ — ein Satz, der als Lob gemeint ist und als Grenzziehung ankommt. Denn er verrät die Erwartung, aus der er stammt: dass das Gegenüber es nicht könnte. Wer gelobt wird für etwas, das bei anderen stillschwei gend vorausgesetzt wird, erfährt in derselben Geste Anerken nung und Ausschluss. Das Kompliment adelt die Leistung und markiert zugleich die Person als jemanden, von dem die Leistung überrascht.
Solche Sätze sind selten böse gemeint, und gerade das macht sie zäh. Sie transportieren ein Deutungsmuster, das älter ist als die einzelne Sprecherin: die Vorstellung, es gebe ein „eigentliches“ Deutsch und dessen rechtmäßige Erben — und daneben Gäste, die zu Besuch sprechen. Wer diese Karte im Kopf trägt, hört Akzente als Herkunftsnachweis und nicht als das, was sie meist sind: die hörbare Spur eines Lebens, das an mehr als einem Ort stattgefunden hat.
Man kann den Satz „Sie sprechen aber gut Deutsch“ also nicht reparieren, indem man das „aber“ streicht. Zu reparieren wäre die Erwartung dahinter. Und Erwartungen ändern sich nicht durch Höflichkeit, sondern durch Gewöhnung: dadurch, dass mehrspra chige Biografien so alltäglich werden, dass niemand mehr auf die Idee kommt, sie zu beklatschen.
(originaler Übungstext, ca. 210 Wörter, für diese Einheit verfasst)
D. Lesetext 2 (original) — „Zwei Wörter für eine Sache“ Link zu Überschrift
Es gibt Dinge, für die eine Sprache ein Wort hat und die andere zwei. Wer zwischen beiden lebt, besitzt für diese Dinge nicht ein Wort mehr, sondern eine Unterscheidung mehr. Das ist der unspektakuläre Kern dessen, was Fachleute Ressource nennen: nicht der Charme des Exotischen, sondern ein feineres Raster, mit dem sich Welt beschreiben lässt.
Der Preis dafür ist real und wird selten mitgenannt. Zwischen zwei Sprachen zu greifen kostet, im Schnitt, Millisekunden — und manchmal ein Wort, das im entscheidenden Moment im falschen Fach liegt. Wer Mehrsprachigkeit nur feiert, unterschlägt diese Reibung; wer nur sie sieht, unterschlägt den Gewinn. Redlich ist, beides zu benennen und zu fragen, welche Bilanz die Institution zieht, die darüber urteilt — die Schule, das Amt, der Arbeitsmarkt.
Denn ob ein feineres Raster als Reichtum oder als Störung gilt, entscheidet nicht die Sprecherin. Es entscheidet, wer die Norm setzt. Genau deshalb ist die Debatte über Mehrsprachigkeit nie nur linguistisch. Sie ist eine Debatte darüber, wessen Unterscheidungen zählen.
(originaler Übungstext, ca. 205 Wörter, für diese Einheit verfasst)
E. Kontext (recherchiert und paraphrasiert) Link zu Überschrift
Die Sprachwissenschaft trennt heute zwei benachbarte Begriffe: Code-Switching meint den — oft spontanen — Wechsel zwischen Sprachen innerhalb einer Interaktion und setzt begrifflich noch getrennte Sprachsysteme voraus; Translanguaging hingegen fasst das gesamte sprachliche Repertoire als ein integriertes System, aus dem Sprecher:innen fluid schöpfen, und wird zudem als Unterrichtsprinzip verstanden, das die volle Mehrsprachigkeit der Lernenden als Ressource nutzt (paraphrasiert nach Wikipedia, „Code-switching“, CC BY-SA, und dem PRODAZ-Arbeitspapier von Gantefort/Maahs, Universität Duisburg-Essen).
Die Forschung zu kognitiven Effekten mahnt zur Nüchternheit: Neuere Übersichts- und Einzelstudien finden allenfalls kleine, aufgabenspezifische Vorteile Mehrsprachiger und betonen, dass Messmethoden und Theoriemodelle noch verfeinert werden müssen (paraphrasiert nach Scientific Reports, 2025, CC BY, und einer Frontiers-Studie zu Herkunftssprachen, 2024, CC BY). Für den Unterricht folgt daraus keine Idylle, sondern eine Haltung: Mehrsprachigkeit weder pauschal zu bejubeln noch zu pathologisieren.
Historisch reicht der Gedanke, dass Sprache Weltsicht formt, weit zurück. Gemeinfrei zitierbar ist Wilhelm von Humboldt (1767–1835):
„Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre Sprache.“ — Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues (postum 1836, gemeinfrei)
Üben Link zu Überschrift
Niveau-Differenzierung. ● Basis (C1.1) · ◆ Standard (C1.2) · ▲ Vertiefung (C1.2+). Wählen Sie Ihr Einstiegsniveau; die Aufgaben bauen aufeinander auf.
Aufgabe 1 ● — Begriffe zuordnen. Ordnen Sie jeder Situation den passenden Fachbegriff zu (Code-Switching · Translanguaging · Heritage Speaker · Zuschreibung):
- Ein Kollege wechselt mitten im Satz vom Deutschen ins Italienische, ohne es zu bemerken.
- Eine Lehrerin lässt Schüler:innen eine Aufgabe bewusst in ihrer Familiensprache vordenken und dann auf Deutsch ausformulieren.
- Eine Studentin spricht zu Hause Kurdisch, im Seminar Deutsch, und versteht beides als ihr Eigenes.
- Jemand sagt zu einem in Berlin geborenen Mann: „Und wo kommen Sie ursprünglich her?“
Aufgabe 2 ◆ — Implikaturen freilegen. Notieren Sie zu jedem Satz die stille Voraussetzung, ohne die der Satz nicht funktioniert.
a) „Wer hier lebt, soll auch die Sprache lernen.“ b) „Sie hat ja zum Glück kaum noch Akzent.“ c) „Zweisprachige Kinder sollten sich erst auf eine Sprache konzentrieren.“
Aufgabe 3 ◆ — Hecken einsetzen. Formulieren Sie die folgende kategorische Behauptung dreimal um — je einmal mit Modalisierung, mit Modalpartikel und mit konzessiver Distanzierung:
„Mehrsprachigkeit ist ein Vorteil.“
Aufgabe 4 ▲ — Textgebundene Analyse. Beziehen Sie sich auf Lesetext 1 („Das falsche Kompliment“). Erläutern Sie in 60–80 Wörtern, mit welchem sprachlichen Mittel der Text zeigt, dass Lob und Ausschluss in einer Geste zusammenfallen. Belegen Sie am Wortlaut.
Lösungen
Aufgabe 1. 1) Code-Switching · 2) Translanguaging · 3) Heritage Speaker · 4) Zuschreibung (die Frage „ursprünglich“ schreibt eine Fremdheit zu, die der Biografie widerspricht).
Aufgabe 2 (Musterlösung). a) Voraussetzung: Die Person tue dies noch nicht — der Satz unterstellt ein Defizit und setzt „Sprache“ mit der Standardvarietät gleich. b) Voraussetzung: Akzent sei ein Makel, dessen Verschwinden ein „Glück“ ist; Akzentfreiheit gilt als Norm. c) Voraussetzung: Zwei Sprachen konkurrieren um endliche Ressourcen (Defizitmodell) — eine Annahme, die die Forschung gerade nicht stützt.
Aufgabe 3 (Musterlösungen).
- Modalisierung: „Vieles spricht dafür, dass Mehrsprachigkeit ein Vorteil sein kann.“
- Modalpartikel: „Mehrsprachigkeit ist ja durchaus ein Vorteil — nur eben nicht bedingungslos.“
- Konzessiv: „So plausibel der Vorteil klingt, so sehr hängt er davon ab, wer über die Norm entscheidet.“
Aufgabe 4 (Bewertungshinweis). Erwartet wird der Verweis auf die „aber“-Konstruktion bzw. das als Lob getarnte, die Erwartung verratende Kompliment; stark ist eine Antwort, die die Doppelstruktur („adelt die Leistung und markiert zugleich die Person“) am Wortlaut zeigt und als Grenzziehung deutet.
Anwenden Link zu Überschrift
Schreibaufgabe (C1, ca. 300 Wörter) — essayistischer Forumsbeitrag.
Ein Bildungsblog diskutiert die These:
„Mehrsprachigkeit als Ressource — was würde sich an deutschen Schulen tatsächlich ändern, wenn dieser Satz nicht Sonntagsrede, sondern Praxis wäre?“
Verfassen Sie einen Beitrag, der Position bezieht, ohne zu simplifizieren.
Kriterien (Selbstkontrolle vor dem Abgeben):
- eine erkennbare, aber gehedgte These (kein Slogan);
- mindestens ein konkretes Beispiel (Szene, nicht Statistik) und eine abstrakte Verallgemeinerung;
- mindestens drei Fachbegriffe der Einheit, korrekt gebraucht;
- eine ernst genommene Gegenposition und deren Einordnung (konzessiv);
- eine Selbstrelativierung am Schluss, die die eigene Perspektive verortet.
Prüfung Link zu Überschrift
GER C1 · Modul Schreiben · Teil 1 — Meinungsbetonter Beitrag (ca. 230 Wörter).
In einem überregionalen Online-Feuilleton ist folgende Behauptung erschienen:
„Herkunftssprachen sollten an Schulen wie reguläre Fremdsprachen unterrichtet werden — mit Curriculum, Note und Prüfung. Alles andere ist folkloristische Symbolpolitik.“
Schreiben Sie einen Forenbeitrag, in dem Sie
- den Kern der These präzise wiedergeben,
- mit zwei Argumenten Stellung nehmen (darunter ein Gegenargument, das Sie einordnen),
- ein konkretes Beispiel anführen,
- und mit einer abwägenden Schlussfolgerung enden.
Register: essayistisch-argumentativ, durchgehend gehedgt.
Punkte-Rubrik (25 Punkte)
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Aufgabenerfüllung — alle vier Leitpunkte inhaltlich bedient, Position erkennbar | 6 |
| Argumentation — Tragfähigkeit, Gegenargument eingeordnet, konkretes Beispiel integriert | 6 |
| Textaufbau & Kohärenz — essayistische Progression, Konnektoren, Absatzlogik | 5 |
| Wortschatz — Fachtermini korrekt, präzise Kollokationen, Register | 5 |
| Korrektheit & Heckung — Morphosyntax, Modalisierung/Distanzierung C1-gerecht | 3 |
Schwelle: ab 15/25 bestanden; ab 21/25 sehr gut.
Reflexion Link zu Überschrift
- Ich unterscheide Code-Switching, Translanguaging und Heritage Speaker sicher und gebrauche sie korrekt.
- Ich lege in Identitätsdiskursen stille Voraussetzungen und Zuschreibungen frei.
- Ich hecke meine Thesen bewusst (Modalisierung, Modalpartikel, konzessive Distanzierung).
- Ich verbinde konkretes Bild und abstrakte These und schließe mit einer Selbstverortung.
- Ich erfülle in ~230 Wörtern alle vier Leitpunkte der Prüfungsaufgabe.
Hinweise für Lehrkräfte Link zu Überschrift
45-Minuten-Taktung.
| Phase | Zeit | Sozialform |
|---|---|---|
| Einstieg (zwei Sprecher, ein Satz) | 6' | Plenum, Blitzlicht |
| Input A–E (Wortschatz, Hecken, Lesetexte, Kontext) | 12' | Input + Partnerlesen |
| Üben 1–4 (differenziert) | 13' | Einzel → Paar, Vergleich im Plenum |
| Anwenden (Schreibplanung + Beginn) | 9' | Einzelarbeit, Kriterienabgleich |
| Sicherung & Ausblick auf Prüfungsteil | 5' | Plenum |
Gruppierung. Üben 2 und 4 profitieren von heterogenen Paaren (Herkunftssprecher:innen + monolingual sozialisierte Lernende): Die Sprachbiografien werden so selbst zum Material — freiwillig, nie als Ausstellung.
Differenzierung.
- Basis (●): Aufgabe 1 + 3 genügen; Schreibauftrag auf 180 Wörter mit vorgegebenem Satzgerüst reduzieren.
- Standard (◆): volle Übungskette; Schreibauftrag wie ausgeschrieben.
- Vertiefung (▲): Aufgabe 4 als Kurzanalyse ausbauen; im Schreiben eine zweite Gegenposition und ein Humboldt-Bezug verlangen.
Sensibilität. Die Leitfrage nach dem „fremd genannt werden“ kann verletzen. Teilnahme an persönlichen Beispielen strikt freiwillig halten; stets die Struktur (Deutungsmuster, Zuschreibung) analysieren, nie die Person.
Häufige Stolperfallen.
- Heritage Speaker ist ein etablierter Terminus der L2-/DaF- Forschung, kein modisches Etikett.
- Translanguaging ≠ Code-Switching: Ersteres meint ein integriertes Repertoire und ein Unterrichtsprinzip.
- Wertende Vokabeln (Mangel, gebrochen, nur Umgangssprache) im Debattenkontext meiden — sie transportieren das Defizitmodell.
Quellen Link zu Überschrift
- Code-switching — Wikipedia contributors, Wikipedia (Stand 2026), https://en.wikipedia.org/wiki/Code-switching, Lizenz CC BY-SA 4.0. (paraphrasiert; kein Wortlaut übernommen)
- Translanguaging — Christoph Gantefort, Ina-Maria Maahs, ProDaZ / Universität Duisburg-Essen (2020), https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/gantefort_maahs_translanguaging.pdf, Bildungsmaterial (paraphrasiert, mit Quellenangabe).
- Selective cognitive effects of multilingualism … — Scientific Reports (2025), https://www.nature.com/articles/s41598-025-32091-x, Lizenz CC BY 4.0. (Befunde paraphrasiert)
- The effects of heritage multilingualism on foreign language learning — Frontiers in Psychology (2024), https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2024.1521340/full, Lizenz CC BY 4.0. (Befunde paraphrasiert)
- Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues — Wilhelm von Humboldt (postum 1836), https://de.wikisource.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt, gemeinfrei (Autor † 1835). (wörtlich zitiert, exakt attribuiert)
- Alle Lesetexte (1, 2), der Einstieg und die Übungssätze sind Originaltexte, für diese Einheit verfasst; keine Anlehnung an urheberrechtlich geschützte Vorlagen.
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Wortschatz, Dialoge und Texte dieser Einheit als Audio, gesprochen von einer muttersprachlichen Stimme. Der gesprochene Text steht jeweils darunter.
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die Sprachbiografie · das sprachliche Repertoire · die Zugehörigkeit (zu etw.) · die Zuschreibung · das Deutungsmuster · defizitorientiert (Adj.) · die Ressource (hier) · stigmatisieren / die Stigmatisierung · die Hegemonie (der Standardsprache) · konnotieren / die Konnotation · essentialisieren · die Selbstverortung
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„Sie sprechen aber gut Deutsch! — ein Satz, der als Lob
gemeint ist und als Grenzziehung ankommt. Denn er verrät die
Erwartung, aus der er stammt: dass das Gegenüber es nicht
könnte. Wer gelobt wird für etwas, das bei anderen stillschwei
gend vorausgesetzt wird, erfährt in derselben Geste Anerken
nung und Ausschluss. Das Kompliment adelt die Leistung und
markiert zugleich die Person als jemanden, von dem die Leistung
überrascht.
Solche Sätze sind selten böse gemeint, und gerade das macht sie
zäh. Sie transportieren ein Deutungsmuster, das älter ist als
die einzelne Sprecherin: die Vorstellung, es gebe ein
„eigentliches Deutsch und dessen rechtmäßige Erben — und
daneben Gäste, die zu Besuch sprechen. Wer diese Karte im Kopf
trägt, hört Akzente als Herkunftsnachweis und nicht als das,
was sie meist sind: die hörbare Spur eines Lebens, das an mehr
als einem Ort stattgefunden hat.
Man kann den Satz „Sie sprechen aber gut Deutsch also nicht
reparieren, indem man das „aber streicht. Zu reparieren wäre
die Erwartung dahinter. Und Erwartungen ändern sich nicht durch
Höflichkeit, sondern durch Gewöhnung: dadurch, dass mehrspra
chige Biografien so alltäglich werden, dass niemand mehr auf die
Idee kommt, sie zu beklatschen.
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Es gibt Dinge, für die eine Sprache ein Wort hat und die andere
zwei. Wer zwischen beiden lebt, besitzt für diese Dinge nicht
ein Wort mehr, sondern eine Unterscheidung mehr. Das ist der
unspektakuläre Kern dessen, was Fachleute Ressource nennen:
nicht der Charme des Exotischen, sondern ein feineres Raster,
mit dem sich Welt beschreiben lässt.
Der Preis dafür ist real und wird selten mitgenannt. Zwischen
zwei Sprachen zu greifen kostet, im Schnitt, Millisekunden —
und manchmal ein Wort, das im entscheidenden Moment im falschen
Fach liegt. Wer Mehrsprachigkeit nur feiert, unterschlägt diese
Reibung; wer nur sie sieht, unterschlägt den Gewinn. Redlich
ist, beides zu benennen und zu fragen, welche Bilanz die
Institution zieht, die darüber urteilt — die Schule, das Amt,
der Arbeitsmarkt.
Denn ob ein feineres Raster als Reichtum oder als Störung gilt,
entscheidet nicht die Sprecherin. Es entscheidet, wer die Norm
setzt. Genau deshalb ist die Debatte über Mehrsprachigkeit nie
nur linguistisch. Sie ist eine Debatte darüber, wessen
Unterscheidungen zählen.
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„Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des
Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist
ihre Sprache.
— Wilhelm von Humboldt, *Über die Verschiedenheit des
menschlichen Sprachbaues* (postum 1836, gemeinfrei)
Text anzeigen
*„Mehrsprachigkeit als Ressource — was würde sich an deutschen
Schulen tatsächlich ändern, wenn dieser Satz nicht Sonntagsrede,
sondern Praxis wäre?*
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*„Herkunftssprachen sollten an Schulen wie reguläre
Fremdsprachen unterrichtet werden — mit Curriculum, Note und
Prüfung. Alles andere ist folkloristische Symbolpolitik.*
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Einstieg (zwei Sprecher, ein Satz) · Input A–E (Wortschatz, Hecken, Lesetexte, Kontext) · Üben 1–4 (differenziert) · Anwenden (Schreibplanung + Beginn) · Sicherung & Ausblick auf Prüfungsteil

