Einheit 5 — Identität und Sprache: Mehrsprachigkeit als Ressource
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: C1
Lernziele Link zu Überschrift
- Ich lese einen Identitätsdiskurs auf seine impliziten Annahmen.
- Ich verfasse einen 230-Wörter-Essay zu Mehrsprachigkeit.
- Ich gebrauche Translanguaging, Code-Switching, Heritage Speaker.
GER-Ausrichtung Link zu Überschrift
Prüfungsmodul Schreiben — Teil 1 (essayistischer Forumsbeitrag).
Einstiegsgeschichte Link zu Überschrift
Textstimme May Ayim (1960–1996, afrodeutsche Lyrikerin und Aktivistin, Stichworte: „blues in schwarz weiss“, „grenzenlos und unverschämt“). Die Einheit lehnt sich an Ayims Themen an, ohne ihre Texte zu zitieren — alle hier verwendeten Texte sind original von der Autorin verfasst und erinnern im Geiste an Ayim.
1. Einstieg Link zu Überschrift
- Welche Sprachen leben in Ihrem Alltag — bewusst, halb-bewusst, unbewusst?
- Wann mischen Sie Sprachen, ohne es zu merken?
- Wer hat Sie das erste Mal „fremd“ genannt?
2. Input Link zu Überschrift
A. Essay-Ausschnitt (original, im Geist von May Ayim) Link zu Überschrift
Mehrsprachigkeit beginnt nicht im Schulkurs. Sie beginnt am Küchentisch, im Streit zwischen Großmutter und Mutter, in dem Lied, das eine Sprache trägt, an die das Wachen schon nicht mehr erinnert. Wer sagt: „Mein Deutsch ist meine erste Sprache“, sagt zugleich: „Meine andere Sprache ist kein Mangel, sondern eine Erinnerung.“
Die deutsche Debatte ist alt: ist Mehrsprachigkeit Ressource oder Risiko? Die Antwort hängt davon ab, wer fragt. Lehrkräfte in Brennpunktschulen erzählen, dass Kinder mit zwei Sprachen oft länger brauchen, ein Wort zu finden — und mehr Wörter haben, wenn sie es gefunden haben. Das ist keine Idylle. Es ist eine Beobachtung mit didaktischen Konsequenzen.
B. Begriffe Link zu Überschrift
| Begriff | Erklärung |
|---|---|
| Heritage Speaker | Sprecher:in einer Familiensprache, die nicht Mehrheitssprache ist |
| Translanguaging | bewusste Mischung mehrerer Sprachen als Ressource |
| Code-Switching | spontaner Sprachwechsel im Gespräch |
| Erstsprache (L1) | Sprache(n), in der/denen man aufwächst |
| Zweitsprache (L2) | im Alltagskontakt erworbene weitere Sprache |
| Fremdsprache | im Unterricht erworbene weitere Sprache |
C. Argumentationsmuster Link zu Überschrift
- Plural statt Hierarchie: „meine erste Sprache“ — „meine andere Sprache“ — keine Über-/Unterordnung.
- Beobachtung statt Idealisierung: Probleme benennen, ohne sie zu vermeiden.
- Konkretes Bild + abstrakte These: Küchentisch + Mehrsprachigkeit.
3. Üben Link zu Überschrift
Aufgabe 1 — Begriffe. Ordnen Sie zu:
- „Sie wechselt mitten im Satz vom Türkischen ins Deutsche.“
- „Sie spricht zu Hause Russisch, in der Schule Deutsch, sieht sich als beides.“
- „Im Workshop benutzt sie absichtlich beide Sprachen, weil das ihre Argumentation stärker macht.“
Aufgabe 2 — Implikationen. Was setzt der Satz „Wer in Deutschland lebt, soll Deutsch sprechen“ still voraus?
Aufgabe 3 — Argumentationsmuster. Schreiben Sie einen Satz nach dem Muster „konkretes Bild → abstrakte These“ zu Mehrsprachigkeit.
Lösungen
Aufgabe 1. 1) Code-Switching · 2) Heritage Speaker · 3) Translanguaging.
Aufgabe 2. Mögliche stille Annahmen: Mehrsprachigkeit ist ein Mangel; es gibt nur eine legitime Sprache; sprechen = können.
Aufgabe 3. Individuell.
4. Anwenden Link zu Überschrift
Schreibaufgabe (C1, ca. 230 Wörter): Verfassen Sie einen essayistischen Forumsbeitrag:
„Mehrsprachigkeit als Ressource — was würde sich an deutschen Schulen ändern, wenn dieser Satz wirklich gelten würde?“
Mit vier Sprachfunktionen, einem konkreten Beispiel, einer Selbstrelativierung am Schluss.
5. Reflexion Link zu Überschrift
- Ich erkenne Code-Switching, Translanguaging, Heritage Speaker.
- Ich hinterfrage stille Voraussetzungen in Identitätsdiskursen.
- Ich schreibe 230 Wörter essayistisch auf C1.
Prüfungsbeispiel — GER C1 Schreiben, Teil 1 Link zu Überschrift
Aufgabe (ca. 230 Wörter): Forumsbeitrag zur These:
„Heritage-Sprachen sollten in der Schule wie reguläre Fremdsprachen unterrichtet werden — mit Note, Lehrplan, Prüfung.“
Vier Sprachfunktionen.
Zeit: Einstieg 8’ · Input 18’ · Üben 17’ · Anwenden 30’ · Prüfungsvorschau 17'.
Häufige Stolperfallen Link zu Überschrift
- „Heritage Speaker“ ist ein Anglizismus aus der DaF-/L2- Forschung, hat sich auch im Deutschen etabliert.
- „Translanguaging“ ist mehr als Code-Switching — es ist bewusste, didaktisch nutzbare Mischung.
- Wertende Wörter wie „Mangel“ in Mehrsprachigkeitsdebatten vermeiden.
Weiterführende Materialien Link zu Überschrift
- May Ayim, blues in schwarz weiss.
- Kira Kosnick, Migration und Diaspora (akademische Texte).
- DAAD Forschungsabteilung — Mehrsprachigkeitsstudien.

