Einheit 3 — Wissenschaftstheorie: Was ist Erkenntnis?
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: C1
Lernziele Link zu Überschrift
- Ich folge einem Universitätsvortrag (B2/C1) zur Erkenntnistheorie.
- Ich unterscheide Induktion, Deduktion, Falsifikation, Paradigmenwechsel.
- Ich übersetze einen erkenntnistheoretischen Begriff in Alltagssprache.
GER-Ausrichtung Link zu Überschrift
Prüfungsmodul Hören — Teil 4 (Vortrag, MC-3gl, 7 Items, 2× hören).
Einstiegsgeschichte Link zu Überschrift
Vorlesung an der Universität Wien, „Einführung in die Wissenschaftstheorie“. Dozentin: Dr. Helena Stark. Im Hörsaal sitzen DaF-Lernende, denen Dr. Stark vorab versprochen hat, die wichtigsten Begriffe in Alltagssprache zu erklären.
1. Einstieg Link zu Überschrift
- Wann ist eine Aussage „wissenschaftlich“?
- Welcher Wissenschaftsphilosoph fällt Ihnen sofort ein?
- Wo unterscheiden sich Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften in ihrer Methode?
2. Input Link zu Überschrift
A. Vortragsausschnitt (Transkript, ca. 6 Min) Link zu Überschrift
Dr. Stark: „Was ist Erkenntnis?“ — diese Frage ist nicht rhetorisch. Sie ist die Geburtsfrage der Wissenschaftstheorie. Drei Antworten haben das 20. Jahrhundert geprägt.
Erstens, der induktive Empirismus: Wir sammeln Daten; wenn wir genug haben, leiten wir Gesetze ab. Plausibel, aber tückisch — wie viele weiße Schwäne braucht es, um zu behaupten „alle Schwäne sind weiß“? Genau einen einzigen schwarzen, um die Aussage zu zerstören.
Zweitens, Karl Popper und die Falsifikation: Eine wissenschaftliche Aussage ist nicht durch Bestätigung gültig, sondern durch ihre Widerlegbarkeit. „Alle Schwäne sind weiß“ ist wissenschaftlich, weil ein einziger schwarzer Schwan sie kippt. Popper rettet die Wissenschaftlichkeit der Theorie — auf Kosten der Sicherheit.
Drittens, Thomas Kuhn und die Paradigmen: Wissenschaft verläuft nicht linear, sondern in Phasen. Lange Zeit arbeitet eine Disziplin in einem Paradigma. Wenn die Anomalien sich häufen, kommt es zu einer Krise — und schließlich zum Paradigmenwechsel. Kuhn relativiert damit die Idee stetigen Fortschritts.
B. Begriffliches Werkzeug Link zu Überschrift
| Begriff | Knapp erklärt |
|---|---|
| Induktion | vom Einzelnen zum Allgemeinen schließen |
| Deduktion | vom Allgemeinen zum Einzelnen schließen |
| Empirismus | Erkenntnis aus Erfahrung |
| Falsifikation | Widerlegungsversuch als Methode |
| Paradigma | etablierter Theorierahmen |
| Anomalie | Befund, der nicht ins Paradigma passt |
| Inkommensurabilität | Unvergleichbarkeit zweier Paradigmen |
C. Laien-Übersetzungs-Werkzeugkasten Link zu Überschrift
- Falsifikation → „eine Aussage muss prinzipiell widerlegbar sein.“
- Paradigma → „der Rahmen, in dem alle gerade arbeiten.“
- Anomalie → „der Fall, der einfach nicht passt.“
3. Üben Link zu Überschrift
Aufgabe 1 — MC (C1-Hören Teil 4).
Welche drei Positionen prägten laut Dr. Stark das 20. Jhd.? a) Logik, Hermeneutik, Empirie · b) Empirismus, Falsifikation, Paradigmen · c) Realismus, Idealismus, Pragmatismus.
Was reicht laut Popper, um eine Theorie zu kippen? a) eine widerlegende Beobachtung · b) hundert · c) ein Mehrheitsbeschluss.
Wann kommt es laut Kuhn zur Krise? a) wenn Anomalien sich häufen · b) wenn ein neuer Forscher etwas anderes entdeckt · c) wenn das Geld ausgeht.
Inkommensurabilität meint, dass … a) zwei Paradigmen unvergleichbar sind · b) zwei Forscher sich nicht einig werden · c) zwei Daten unverträglich sind.
Aufgabe 2 — Laien-Reformulierung. Erklären Sie für eine Person ohne Vorkenntnisse:
- „Wissenschaftlichkeit setzt Falsifizierbarkeit voraus.“
- „Die Anomalien akkumulieren sich, das Paradigma gerät unter Druck.“
Aufgabe 3 — Eigenes Beispiel. Geben Sie ein eigenes Beispiel für:
- ein Paradigma in Ihrer Heimatdisziplin oder Ihrem Beruf,
- eine Anomalie darin.
Lösungen
Aufgabe 1. 1) b · 2) a · 3) a · 4) a.
Aufgabe 2.
- Eine wissenschaftliche Theorie ist nur dann gültig, wenn man sich vorstellen kann, was sie widerlegen würde.
- Es gibt immer mehr Befunde, die in die alte Theorie nicht passen — sie wirkt zunehmend unhaltbar.
Aufgabe 3. Individuell.
4. Anwenden Link zu Überschrift
Mini-Vortrag (C1, ca. 4 Min): Sprechen Sie über ein Paradigma in einem Bereich, den Sie kennen — und über eine reale oder historische Anomalie, die es ins Wanken gebracht hat. Beispiele: Plattentektonik vs. Kontinentaldrift, klassische Mechanik vs. Relativitätstheorie, Erziehungswissenschaft vor und nach Bildungsoffenheit.
5. Reflexion Link zu Überschrift
- Ich folge einem 6-Min-Vortrag zur Wissenschaftstheorie.
- Ich erkläre Falsifikation und Paradigma in Alltagssprache.
- Ich gebe ein eigenes Paradigmen-Beispiel.
Prüfungsbeispiel — GER C1 Hören, Teil 4 Link zu Überschrift
Aufgabenstellung: Sie hören den Vortrag von Dr. Stark zweimal. Wählen Sie pro Frage a, b oder c.
Drei prägende Positionen sind … a) Logik / Empirie / Hermeneutik · b) Empirismus / Falsifikation / Paradigmen · c) Realismus / Idealismus / Pragmatismus.
Das Schwan-Beispiel illustriert vor allem … a) Induktion · b) Deduktion · c) Hermeneutik.
Falsifizierbarkeit ist für Popper … a) ein didaktisches Spiel · b) das Kriterium der Wissenschaftlichkeit · c) eine soziologische Frage.
Kuhn betont … a) lineare Ansammlung · b) Phasen mit Brüchen · c) Wirtschaft als Treiber.
Eine Anomalie ist … a) ein methodischer Fehler · b) ein nicht passender Befund · c) ein politischer Konflikt.
Inkommensurabilität bedeutet … a) Unvergleichbarkeit zweier Paradigmen · b) Unverträglichkeit zweier Personen · c) Unmessbarkeit großer Daten.
Kuhn relativiert … a) die Idee stetigen Fortschritts · b) den Begriff der Empirie · c) die Geltungsdauer von Anomalien.
Lösungen
- b · 2. a · 3. b · 4. b · 5. b · 6. a · 7. a.
Zeit: Einstieg 8’ · Input 22’ · Üben 18’ · Anwenden 25’ · Prüfungsvorschau 17'.
Häufige Stolperfallen Link zu Überschrift
- „Falsifikation“ ≠ „Fälschung“: Falsifikation = methodischer Widerlegungsversuch; Fälschung = Betrug.
- „Paradigma“ ist neutrum (das Paradigma).
- „Anomalie“ + Genitiv in Fachprosa: die Anomalie der Daten.
Weiterführende Materialien Link zu Überschrift
- Karl Popper, Logik der Forschung.
- Thomas Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.
- Ö1 „Radiokolleg“ zu Wissenschaftstheorie.

