Einheit 12 — Literarische Perspektiven: Erzählstimmen der Gegenwart

GER-Stufe B2 · Goethe-Zertifikat B2 · Modul Sprechen

S. Le Boulanger

Note

Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B2

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Lernziele

  • Ich benenne drei Erzählperspektiven.
  • Ich präsentiere einen Leseeindruck in 3 Minuten.
  • Ich diskutiere mit literaturbezogenem Wortschatz.

GER-Ausrichtung

Goethe-Modul Sprechen — Teil 1 (Vortrag).

Einstiegsgeschichte

Elena, Kjell, Dr. Weiss, Nihad treffen sich zum letzten Mal im B2-Kurs — nicht zur politischen, sondern zur literarischen Debatte. Jede:r hat einen kurzen Text vorbereitet. Elena liest den Anfang von Terézia Moras Roman „Das Ungeheuer”; Kjell bringt einen Ausschnitt von Navid Kermani; Dr. Weiss wählt Judith Hermann, Nihad Sasha Marianna Salzmann.

1. Einstieg

  • Welches deutschsprachige Buch haben Sie zuletzt gelesen?
  • Welche Erzählperspektive bevorzugen Sie — Ich, Er/Sie, neutral?
  • Kennen Sie Terézia Mora, Navid Kermani, Judith Hermann oder Sasha Marianna Salzmann?

2. Input

A. Erzählperspektiven

Perspektive Kennzeichen Beispiel
Ich-Erzähler:in Erzähler ist Figur im Text „Ich ging am Morgen …“
Auktorial allwissender Erzähler „Sie wusste nicht, dass …“
Personal eng an einer Figur, nicht allwissend „Sie sah ihn — und erschrak.”
Neutral beobachtend, distanziert „Der Mann betrat den Raum.”

B. Miniatur-Textauszug (original, frei erfunden, kein

echter Roman-Ausschnitt)

Sie trat ans Fenster, bevor der Wecker klingelte. Draußen arbeitete schon jemand in der Gasse — Besen, Schritt, Besen, Schritt. Sie hielt die Tasse beidhändig, als wäre sie schwer. Sie war nicht schwer; sie war nur warm. Das, dachte sie, ist vielleicht der Grund, warum ich nicht schlafe: zu viel Wärme, nicht genug Tag.

Erzählperspektive: personal. Die Erzählstimme ist eng an der Figur — wir wissen, was sie denkt, aber nicht mehr als sie.

C. Redemittel für eine Buchpräsentation

  • Der Text stammt aus … / ist ein kurzer Auszug aus …
  • Die Erzählperspektive ist … — sichtbar an …
  • Was mir auffällt, ist …
  • Die zentrale Frage, die der Text stellt, ist …
  • Ich empfehle / empfehle nicht, weil …

3. Üben

Aufgabe 1 — Perspektive erkennen. Welche Perspektive?

  1. „Ich stand am Fenster. Ich hielt die Tasse.”
  2. „Sie stand am Fenster. Warum, wusste sie nicht.”
  3. „Die Frau stand am Fenster.”
  4. „Sie stand am Fenster. Er wusste, dass sie nicht schlafen konnte.”

Aufgabe 2 — Sprachfokus. Welche drei Wortfelder dominieren den Miniatur-Text in B?

Aufgabe 3 — Eigene Miniatur. Schreiben Sie drei Sätze eines fiktiven Textanfangs in personaler Perspektive.

Lösungen

Aufgabe 1. 1) Ich · 2) personal · 3) neutral · 4) auktorial (weiß, was er und sie wissen).

Aufgabe 2. Körper (beidhändig), Wahrnehmung (warm, Wärme), Zeit (Morgen, Tag, Wecker).

Aufgabe 3. Individuell.

4. Anwenden

Buchpräsentation (B2-Sprechen Teil 1, ca. 3 Min): Bringen Sie einen kurzen Auszug (5–10 Zeilen) eines deutschsprachigen Buches mit. Präsentieren Sie in folgender Gliederung:

  1. Autor:in + Buch + kurzer Kontext
  2. Der Auszug (vorgelesen)
  3. Die Erzählperspektive + Beispiele
  4. Was Sie daran berührt / interessiert
  5. Empfehlung

5. Reflexion

Kursabschluss B2

Mit zwölf Einheiten haben Sie B2 gemeistert: Medienanalyse, Wissenschaftskommunikation, gesellschaftliche Debatten, Arbeitswelt-Wandel, Kultur, Migration, Gesundheits-/Umwelt-/ Bildungspolitik, digitale Ethik, Ökonomie, Literatur. Das entspricht der vollen Themenbreite des Goethe-Zertifikats B2.

Prüfungsbeispiel — Goethe B2 Sprechen, Teil 1

Aufgabenstellung: Halten Sie einen Vortrag (ca. 4 Min) zum Thema „Welche deutschsprachige Autorin oder welcher Autor lohnt sich im DaF-Unterricht, und warum?“

Struktur:

  1. Einleitung + persönlicher Bezug.
  2. Autor:in vorstellen.
  3. Ein Textbeispiel.
  4. Pädagogischer Gewinn.
  5. Abschluss / Empfehlung.

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Häufige Stolperfallen

  • „Erzähler:in” vs. „Autor:in” — der Erzähler ist die Stimme im Text, nicht die Person, die schreibt.
  • „Perspektive” — viele falsche Freunde (Grundstück-Perspektive vs. literarische).
  • „Ich-Erzähler:in” ≠ Autor:in — wichtige Regel in Textanalyse.

Weiterführende Materialien