Einheit 10 — Ethik digitaler Technologien

Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B2

Lernziele Link zu Überschrift

Am Ende dieser Einheit können Sie:

  • Ich benenne ein ethisches Dilemma aus dem digitalen Bereich präzise und formuliere es als abwägende Fragestellung.
  • Ich wäge in einer schriftlichen Stellungnahme einerseits und andererseits aus und ziehe folglich eine begründete Schlussfolgerung.
  • Ich moderiere einen kontroversen Forumsbeitrag respektvoll und sachlich.
  • Ich verwende die Fachbegriffe Datenschutz, Algorithmus, Bias, Transparenz, Verhältnismäßigkeit korrekt.

Prüfungsbezogene Kann-Beschreibungen (GER B2):

  • Ich formuliere ein ethisches Dilemma aus dem digitalen Bereich.
  • Ich moderiere einen Forumsbeitrag.
  • Ich kenne Begriffe wie Datenschutz, Algorithmus, Bias, Transparenz.

Einstieg Link zu Überschrift

Dr. Talia Weiss, Technikethikerin aus Freiburg, wird in einem Podcast gefragt: „Eine App könnte Ihr Kind vor jeder Gefahr warnen — aber nur, wenn sie es rund um die Uhr ortet. Würden Sie sie installieren?“ Sie zögert und sagt schließlich: „Die Frage ist nicht, ob die Technik funktioniert. Die Frage ist, welchen Menschen sie aus uns macht.“

Sprechen Sie zu zweit:

  1. Wann ist eine Technologie ethisch problematisch — und wann nur unbequem? Wo verläuft für Sie die Grenze?
  2. Welche digitalen Anwendungen werden derzeit öffentlich kritisiert? Nennen Sie zwei Beispiele.
  3. Was ist der Unterschied zwischen Datenschutz (dem Schutz Ihrer Daten) und Datensicherheit (der technischen Absicherung)?
  4. Talia Weiss trennt Funktion und Verantwortung. Können Sie diese Unterscheidung mit eigenen Worten erklären?

Input Link zu Überschrift

A. Vokabeltabelle Link zu Überschrift

BegriffBedeutung / Erläuterung
der DatenschutzSchutz personenbezogener Daten vor Missbrauch
die Datensicherheittechnische Absicherung von Daten (z. B. Verschlüsselung)
der Algorithmus, -menRechenvorschrift, nach der ein System Entscheidungen trifft
die TransparenzNachvollziehbarkeit der Funktionsweise
die Verzerrung / der Biassystematischer Fehler zulasten einer Gruppe
die Einwilligungfreie, informierte Zustimmung der betroffenen Person
die Verhältnismäßigkeitangemessenes Verhältnis von Mittel und Zweck
die Rechenschaft(spflicht)Pflicht, Entscheidungen zu begründen und zu verantworten
die Überwachungfortlaufende Beobachtung von Personen oder Verhalten
personenbezogene DatenAngaben, die eine Person identifizierbar machen
nachvollziehbar (Adj.)so, dass man die Gründe verstehen kann
stigmatisieren (V.)jemanden aufgrund eines Merkmals negativ abstempeln

B. Grammatik im Fokus Link zu Überschrift

Abwägend argumentieren auf B2 — vier Werkzeuge

1. Passiv (Vorgangspassiv). In sachlichen Texten steht die Handlung im Vordergrund, nicht die handelnde Person.

  • Die Gesichter werden automatisch erfasst.
  • Über die Einführung wurde ohne Anhörung entschieden.
  • Mit Modalverb: Daten dürfen nur mit Einwilligung verarbeitet werden.

2. Konjunktiv I (indirekte Rede). Sie geben eine fremde Position wieder, ohne sie zu bewerten.

  • Der Anbieter erklärt, das System sei neutral und arbeite fehlerfrei.
  • Kritiker entgegnen, ein Algorithmus könne Vorurteile reproduzieren.

3. Konjunktiv II (Hypothese, Abwägung).

  • Würde man auf Transparenz verzichten, verlöre man das Vertrauen der Nutzenden.
  • Es wäre verantwortungslos, die Risiken zu verschweigen.

4. Nominalisierung & Konnektoren. Verdichten Sie Aussagen und verknüpfen Sie sie logisch.

  • die Einführung der Überwachung, der Schutz der Privatsphäre
  • einerseits … andererseits (abwägen) · im Gegensatz dazu (kontrastieren) · dennoch (einräumen) · folglich (schließen)

C. Sachtext (Original) — „Wenn der Algorithmus entscheidet“ Link zu Überschrift

Immer häufiger werden Entscheidungen, die früher Menschen trafen, an Software delegiert: Wer einen Kredit erhält, welche Bewerbung aussortiert wird, wo die Polizei patrouilliert — all das kann heute von einem Algorithmus vorbereitet werden. Befürworter betonen, solche Systeme arbeiteten schneller, günstiger und angeblich objektiver als der Mensch. Einerseits ist dieser Effizienzgewinn real. Andererseits ist ein Algorithmus nur so unvoreingenommen wie die Daten, aus denen er lernt.

Genau hier liegt das ethische Problem. Werden einem System historische Daten vorgelegt, in denen bestimmte Gruppen benachteiligt wurden, so lernt es diese Benachteiligung mit — und gibt sie als scheinbar neutrale Rechnung zurück. Fachleute sprechen von Verzerrung oder Bias. Im Gegensatz zu einem menschlichen Sachbearbeiter, den man befragen kann, bleibt die Entscheidung einer Software oft undurchsichtig. Dennoch wird ihr häufig mehr Objektivität zugeschrieben, als sie verdient.

Was folgt daraus? Zunächst die Forderung nach Transparenz: Die Funktionsweise eines Systems müsse nachvollziehbar sein, verlangen Kritiker. Zweitens die Rechenschaft: Wer eine automatisierte Entscheidung einsetzt, solle sie auch begründen können. Und drittens die Verhältnismäßigkeit — nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch angemessen. Folglich geht es bei der Ethik digitaler Technologien weniger um die Frage, ob eine Maschine rechnen darf, als vielmehr darum, wer für das Ergebnis geradesteht. Die Verantwortung, so lässt sich festhalten, lässt sich nicht an eine Software delegieren.

(Originaltext für diese Einheit, ca. 260 Wörter.)

D. Kontext (mit Quellenangabe) Link zu Überschrift

Die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) macht mehrere dieser ethischen Anliegen zu rechtlichen Pflichten. Frei zusammengefasst verlangt sie unter anderem, dass betroffene Personen wissen, ob und wie ihre Daten verarbeitet werden, und dass Informationen darüber in klarer, verständlicher Sprache zugänglich sind — das ist der Grundsatz der Transparenz. Zugleich unterliegen datenverarbeitende Stellen einer verstärkten Rechenschaftspflicht: Sie müssen belegen können, dass sie die Regeln einhalten (paraphrasiert nach Wikipedia, „Datenschutz- Grundverordnung“, CC BY-SA). Ebenso weist der Wikipedia-Artikel zu Diskriminierungsrisiken bei maschinellem Lernen darauf hin, dass ein System, das aus einer verzerrten Stichprobe lernt, bestehende Benachteiligungen reproduzieren kann (paraphrasiert, CC BY-SA). Rechtliche und ethische Anforderungen greifen hier also ineinander.

Üben Link zu Überschrift

Aufgabe 1 — Begriffe zuordnen (Niveau A: leichter). Welcher Fachbegriff aus der Vokabeltabelle passt?

  1. Ein Bewerbungsfilter benachteiligt systematisch Frauen. → ___
  2. Das Unternehmen legt offen, nach welchen Kriterien es entscheidet. → ___
  3. Die Nutzenden wurden vor der Einführung ausdrücklich gefragt. → ___
  4. Die Kameraüberwachung ist zu weitreichend für ein kleines Problem. → ___
  5. Wer das System einsetzt, muss die Entscheidung begründen können. → ___

Aufgabe 2 — Passiv & Konjunktiv I (Niveau A/B). Formen Sie um.

a) Aktiv → Passiv: „Die Schule erfasst die Gesichter der Kinder.“ → ___ b) Aktiv → Passiv (mit Modalverb): „Man darf Daten nur nach Einwilligung nutzen.“ → ___ c) Direkte → indirekte Rede (Konjunktiv I): Der Anbieter sagt: „Das System ist neutral und arbeitet zuverlässig.“ → Der Anbieter sagt, ___

Aufgabe 3 — Abwägen mit Konnektoren (Niveau B). Formulieren Sie zum Thema „KI-Analyse von Schüler:innen-Leistungen“ je einen vollständigen Satz mit:

  1. einerseits … (ein Vorteil)
  2. andererseits … (ein Risiko)
  3. folglich … (Ihre abwägende Schlussfolgerung)

Aufgabe 4 — Moderieren (Niveau B/C: anspruchsvoller). Ein Forumsmitglied schreibt zugespitzt: „Alle, die gegen Überwachung sind, haben doch etwas zu verbergen.“ Wählen Sie die beste Moderationsreaktion (a–c) und begründen Sie Ihre Wahl in einem Satz.

  • a) „Das ist einfach falsch, bitte hören Sie auf.“
  • b) „Das ist eine zugespitzte Aussage. Können wir sie prüfen, indem wir drei konkrete Szenarien durchgehen?“
  • c) „Ich lösche solche Beiträge grundsätzlich.“
Lösungen

Aufgabe 1. 1) Bias / Verzerrung · 2) Transparenz · 3) Einwilligung · 4) Verhältnismäßigkeit · 5) Rechenschaft(spflicht).

Aufgabe 2. a) „Die Gesichter der Kinder werden (von der Schule) erfasst.“ b) „Daten dürfen nur nach Einwilligung genutzt werden.“ c) „… das System sei neutral und arbeite zuverlässig.“

Aufgabe 3 (Muster).

  1. Einerseits kann eine KI-Analyse frühzeitig auf individuellen Förderbedarf hinweisen.
  2. Andererseits besteht die Gefahr, dass Schüler:innen anhand weniger Datenpunkte stigmatisiert werden.
  3. Folglich sollte eine solche Analyse nur unterstützend eingesetzt werden und die pädagogische Entscheidung beim Menschen bleiben.

Aufgabe 4. Beste Wahl: b). Begründung (Muster): Die Reaktion entschärft die Zuspitzung sachlich und lädt statt zur Konfrontation zur gemeinsamen, konkreten Prüfung ein — genau das leistet gute Moderation.

Anwenden Link zu Überschrift

Produktionsaufgabe (Schreiben, B2, ca. 220–260 Wörter).

Sie moderieren ein Online-Forum zur Frage: „Sollen Schulen Gesichtserkennung zur Zutrittskontrolle einsetzen?“

Verfassen Sie ein moderierendes Eingangsstatement, das zugleich Ihre eigene begründete Stellungnahme enthält. Bauen Sie es so auf:

  1. Begrüßung und knappe, sachliche Einordnung des Themas.
  2. Zwei Positionen: Geben Sie eine Pro- und eine Kontra-Position fair wieder (nutzen Sie einerseits / andererseits, ggf. Konjunktiv I für fremde Meinungen).
  3. Eigene Abwägung mit einer klaren Schlussfolgerung (folglich, dennoch).
  4. Eine Moderationsfrage an die Community.
  5. Eine Bitte um respektvollen Umgang.

Bewertungskriterien:

Kriteriumerfüllt?
beide Positionen fair und klar dargestellt
mindestens 3 Konnektoren korrekt eingesetzt
Passiv und/oder Konjunktiv verwendet
moderierender, respektvoller Ton
Fachbegriffe korrekt (min. 3)
Umfang eingehalten (220–260 Wörter)

Prüfung Link zu Überschrift

GER B2 — Modul Schreiben, Teil 1 (Meinungsäußerung / Kommentar).

Aufgabe: Schreiben Sie einen schriftlichen Kommentar (ca. 220 Wörter) zu folgender These:

„Staatliche Stellen sollten KI-gestützte Auswertungen öffentlicher Daten nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Betroffenen einsetzen dürfen.“

Behandeln Sie in Ihrem Kommentar die vier B2-Sprachfunktionen:

  1. Meinung — beziehen Sie klar Position.
  2. Argument — begründen Sie diese Position.
  3. Beispiel — veranschaulichen Sie mit einem konkreten Fall.
  4. Vor- und Nachteile — wägen Sie ab (einerseits / andererseits).

Bewertungsraster (max. 20 Punkte):

BereichPunkte
Inhalt: alle vier Sprachfunktionen abgedeckt6
Aufbau & Kohärenz (Konnektoren, roter Faden)5
Wortschatz: Fachbegriffe treffend eingesetzt4
Grammatik: Passiv, Konjunktiv, Nominalisierung3
Register & Angemessenheit (sachlich, adressiert)2
Gesamt20

Bestehensgrenze (Orientierung): 12 / 20 Punkte.

Reflexion Link zu Überschrift

  • Ich benenne mindestens sechs ethische Fachbegriffe korrekt.
  • Ich formuliere ein digitales Dilemma als abwägende Fragestellung.
  • Ich argumentiere mit einerseits / andererseits / folglich.
  • Ich verwende Passiv und Konjunktiv sachgerecht.
  • Ich moderiere zugespitzte Aussagen respektvoll und lösungsorientiert.
  • Ich unterscheide sicher zwischen Datenschutz und Datensicherheit.

Hinweise für Lehrkräfte Link zu Überschrift

Zeitplan (45 Minuten):

PhaseZeitSozialformInhalt
Einstieg6'Plenum → PartnerZitat Talia Weiss, Leitfragen 1–4
Input12'PlenumVokabeltabelle, Grammatikbox, Sachtext C
Üben14'Einzel → PartnerAufgaben 1–4, Vergleich mit Lösungen
Anwenden10'EinzelEingangsstatement beginnen (Rest = HA)
Reflexion3'EinzelCheckliste

Gruppierung: Aufgaben 1–2 in Einzelarbeit, dann Partnerabgleich; Aufgabe 3–4 in Paaren, um Formulierungen mündlich zu erproben.

Differenzierung:

  • Niveau A (Unterstützung): Aufgaben 1 und 2a/2b; für Aufgabe 3 einen Satzanfang vorgeben („Einerseits kann …, andererseits …“).
  • Niveau B (Standard): alle Übungen, Anwendungstext 220 Wörter.
  • Niveau C (Herausforderung): Aufgabe 4 schriftlich begründen; Anwendungstext um ein drittes, differenzierendes Szenario erweitern; in der Prüfung Konjunktiv I für alle fremden Positionen verlangen.

Prüfungsvorbereitung: Weisen Sie darauf hin, dass im Modul Schreiben die Abdeckung aller vier Sprachfunktionen punktentscheidend ist — ein sprachlich schöner, aber unvollständiger Text verliert Inhaltnpunkte.

Quellen Link zu Überschrift

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Hören

Wortschatz, Dialoge und Texte dieser Einheit als Audio, gesprochen von einer muttersprachlichen Stimme. Der gesprochene Text steht jeweils darunter.

Wortschatz 1
Text anzeigen

der Datenschutz · die Datensicherheit · der Algorithmus, -men · die Transparenz · die Verzerrung / der Bias · die Einwilligung · die Verhältnismäßigkeit · die Rechenschaft(spflicht) · die Überwachung · personenbezogene Daten · nachvollziehbar (Adj.) · stigmatisieren (V.)

Dialog 1
Text anzeigen

Immer häufiger werden Entscheidungen, die früher Menschen trafen, an
Software delegiert: Wer einen Kredit erhält, welche Bewerbung
aussortiert wird, wo die Polizei patrouilliert — all das kann heute
von einem Algorithmus vorbereitet werden. Befürworter betonen, solche
Systeme arbeiteten schneller, günstiger und angeblich objektiver als
der Mensch. Einerseits ist dieser Effizienzgewinn real. Andererseits
ist ein Algorithmus nur so unvoreingenommen wie die Daten, aus denen
er lernt.
Genau hier liegt das ethische Problem. Werden einem System historische
Daten vorgelegt, in denen bestimmte Gruppen benachteiligt wurden, so
lernt es diese Benachteiligung mit — und gibt sie als scheinbar
neutrale Rechnung zurück. Fachleute sprechen von Verzerrung oder
Bias. Im Gegensatz zu einem menschlichen Sachbearbeiter, den man
befragen kann, bleibt die Entscheidung einer Software oft
undurchsichtig. Dennoch wird ihr häufig mehr Objektivität
zugeschrieben, als sie verdient.
Was folgt daraus? Zunächst die Forderung nach Transparenz: Die
Funktionsweise eines Systems müsse nachvollziehbar sein, verlangen
Kritiker. Zweitens die Rechenschaft: Wer eine automatisierte
Entscheidung einsetzt, solle sie auch begründen können. Und drittens
die Verhältnismäßigkeit — nicht alles, was technisch machbar ist,
ist auch angemessen. Folglich geht es bei der Ethik digitaler
Technologien weniger um die Frage, ob eine Maschine rechnen darf,
als vielmehr darum, wer für das Ergebnis geradesteht. Die
Verantwortung, so lässt sich festhalten, lässt sich nicht an eine
Software delegieren.

Wortschatz 2
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beide Positionen fair und klar dargestellt · mindestens 3 Konnektoren korrekt eingesetzt · Passiv und/oder Konjunktiv verwendet · moderierender, respektvoller Ton · Fachbegriffe korrekt (min. 3) · Umfang eingehalten (220–260 Wörter)

Text 1
Text anzeigen

*„Staatliche Stellen sollten KI-gestützte Auswertungen öffentlicher
Daten nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Betroffenen einsetzen
dürfen.*

Wortschatz 3
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Inhalt: alle vier Sprachfunktionen abgedeckt · Aufbau & Kohärenz (Konnektoren, roter Faden) · Wortschatz: Fachbegriffe treffend eingesetzt · Grammatik: Passiv, Konjunktiv, Nominalisierung · Register & Angemessenheit (sachlich, adressiert) · Gesamt

Wortschatz 4
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Einstieg · Input · Üben · Anwenden · Reflexion