Einheit 7 — Gesundheitspolitik: Pflegenotstand und Solidarität
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B2
Lernziele Link zu Überschrift
Am Ende dieser Einheit können Sie sagen:
- Ich folge einer politischen Sendung zum Pflegethema.
- Ich formuliere eine Gegenthese und begründe sie.
- Ich kenne Schlüsselbegriffe des Pflegediskurses.
Konkret heißt das:
- Ich unterscheide ökonomische, demografische und ethische Argumente und ordne sie einer Position zu.
- Ich strukturiere eine mündliche Stellungnahme mit Konnektoren (einerseits/andererseits, dennoch, folglich, im Gegensatz dazu).
- Ich setze Passiv, Konjunktiv I (indirekte Rede) und Konjunktiv II (Vorschlag, Höflichkeit) gezielt ein, um nuanciert zu argumentieren.
Einstieg Link zu Überschrift
Stellen Sie sich vor, in Ihrer Region schließt eine Pflegestation, weil sich über Monate keine Fachkräfte finden lassen. Angehörige übernehmen die Betreuung — unbezahlt, oft neben dem eigenen Beruf. Genau das ist gemeint, wenn im politischen Diskurs vom Pflegenotstand gesprochen wird: nicht ein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein langsames, strukturelles Ausdünnen der Versorgung.
Diskutieren Sie zu zweit oder in der Gruppe:
- Wie ist die Pflege in Ihrem Heimatland organisiert — eher über den Staat, die Familie oder den Markt?
- Welche drei Wörter fallen Ihnen zuerst ein, wenn Sie „Pflegeberuf“ hören? Sind es eher positive oder negative?
- Ist Pflege für Sie eine private oder eine gesellschaftliche Aufgabe? Woran machen Sie das fest?
- Was bedeutet Solidarität in einem Gesundheitssystem — und wo hört sie Ihrer Meinung nach auf?
Input Link zu Überschrift
A. Wortschatz Link zu Überschrift
| Wort / Wendung | Erklärung |
|---|---|
| der Pflegenotstand | struktureller Mangel an Pflegepersonal |
| die Pflegebedürftigkeit | Angewiesensein auf Pflege |
| die Vergütung | Bezahlung (breiter als „Gehalt“: inkl. Zulagen) |
| die Anerkennung | Wertschätzung (gesellschaftlich und beruflich) |
| die Fachkräftelücke | Differenz zwischen Bedarf und vorhandenem Personal |
| die Zuwanderung / die Migration | Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland |
| der demografische Wandel | Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung |
| das Solidarprinzip | Starke tragen Schwächere mit (Grundidee der Kasse) |
| die Beitragslast | Höhe der Sozialversicherungsbeiträge |
| die Ökonomisierung | Ausrichtung auf Kosten und Rendite |
| die Personaluntergrenze | gesetzliche Mindestbesetzung pro Schicht |
| entlasten / die Entlastung | die Arbeitslast verringern |
B. Grammatik im Fokus Link zu Überschrift
Nuanciert argumentieren auf B2 — drei Werkzeuge
1. Passiv (Vorgang & Zustand). Die politische Sprache verwendet gern das Passiv, um Prozesse ohne Täter zu benennen:
Pflege wird häufig als Kostenposition geführt. Personaluntergrenzen wurden eingeführt, aber selten kontrolliert. Mit Modalverb: Die Beiträge müssen stabil gehalten werden.
2. Konjunktiv I — indirekte Rede. Damit geben Sie eine fremde Aussage wieder, ohne sie zu übernehmen:
Die Ministerin sagt, das System sei finanzierbar. Kritiker meinen, die Reform komme zu spät und helfe nur kurzfristig.
3. Konjunktiv II — Vorschlag & höfliche Distanz.
Man könnte die Ausbildung stärker fördern. Wenn die Vergütung stiege, bliebe mehr Personal im Beruf.
Konnektoren für die Erörterung: einerseits … andererseits (abwägen) · im Gegensatz dazu (kontrastieren) · dennoch (Einwand) · folglich / somit (Schluss) · zwar … aber (einräumen).
C. Kontext (mit Quellen) Link zu Überschrift
Der Personalmangel in der Pflege ist kein deutsches Sonderproblem, sondern eine europäische Entwicklung. Nach Angaben des Regionalbüros der Weltgesundheitsorganisation (WHO/Europe) meldeten im Erhebungszeitraum rund fünfzehn EU-Staaten einen Mangel an Pflegekräften; gemessen an Mindestpersonalschlüsseln fehlten in der EU rechnerisch weit über eine Million Beschäftigte in Gesundheits- und Pflegeberufen (WHO/Europe, 2025). Als treibende Kräfte gelten der demografische Wandel — eine alternde Bevölkerung braucht mehr Versorgung — und ein zugleich alterndes Personal: laut Health at a Glance: Europe 2024 der OECD ist über ein Viertel der Pflegekräfte in der EU älter als 55 Jahre und wird in den kommenden Jahren in Rente gehen (OECD, 2024). Für Deutschland weist das Statistische Bundesamt je nach Szenario einen zusätzlichen Bedarf von mehreren Hunderttausend Pflegekräften bis zum Jahr 2049 aus (Destatis, 2024). Alle folgenden Texte sind Originaltexte dieser Einheit; die Zahlen sind den genannten öffentlichen Quellen entnommen und paraphrasiert.
D. Hörtext (zum Vorlesen) Link zu Überschrift
Die Lehrkraft liest den Text zweimal vor. Hören Sie beim ersten Mal nur zu; machen Sie sich beim zweiten Mal Notizen.
Radio-Kommentar: „Kostet oder investiert?“
Guten Abend. Über den Pflegenotstand wird seit Jahren geredet, und dennoch ändert sich wenig. Das liegt, so wird oft behauptet, allein am Geld. Doch diese Erklärung greift zu kurz.
Betrachten wir zunächst die Fakten. Einerseits wächst die Zahl der pflegebedürftigen Menschen mit dem demografischen Wandel stetig; andererseits geht ein großer Teil des heutigen Personals in den nächsten zehn Jahren in Rente. Die Lücke wird derzeit vor allem durch Zuwanderung geschlossen — eine Lösung, die hilft, das strukturelle Problem aber nicht beseitigt.
Nun sagen die einen, bessere Vergütung und verbindliche Personaluntergrenzen seien schlicht zu teuer. Die anderen entgegnen, wer so rechne, verwechsle Kosten mit Investition. Denn eine gute Personalausstattung, so das Argument, senke mittelfristig die Zahl der Krankenhauseinweisungen und halte erfahrene Kräfte im Beruf. Im Gegensatz dazu erzeugt ein ausgezehrtes System Folgekosten, die in keiner Bilanz stehen.
Bleibt die Frage der Solidarität. Unser Gesundheitssystem beruht auf dem Solidarprinzip: Die Stärkeren tragen die Schwächeren mit. Würde dieses Prinzip auf die Pflege konsequent angewandt, dann wäre gute Betreuung kein Privileg, sondern ein Recht. Folglich ist die eigentliche Frage nicht, ob wir uns Pflege leisten können, sondern ob wir uns leisten wollen, sie weiter zu vernachlässigen. Guten Abend.
Verständnisfragen (nach dem Hören):
- Welche zwei Entwicklungen führen laut Kommentar zur Pflegelücke?
- Wodurch wird die Lücke aktuell vor allem geschlossen?
- Wie unterscheidet der Kommentar „Kosten“ und „Investition“?
E. Lesetext (Original) Link zu Überschrift
Solidarität mit Grenzen?
Das deutsche Gesundheitssystem gilt als solidarisch: Wer mehr verdient, zahlt höhere Beiträge, ohne dafür bessere Leistungen zu erhalten. Dieses Solidarprinzip wird jedoch zunehmend auf die Probe gestellt. Zwar wird die Versorgung formal allen garantiert, doch in der Praxis entscheidet oft der Wohnort oder die Verfügbarkeit von Personal darüber, wie gut jemand betreut wird.
Befürworter einer stärkeren staatlichen Steuerung argumentieren, Pflege dürfe nicht nach betriebswirtschaftlicher Rendite organisiert werden. Werde die Pflege der Marktlogik überlassen, so ihre Sorge, gerieten gerade wenig „profitable“ Patientinnen und Patienten ins Hintertreffen. Sie fordern deshalb verbindliche Personaluntergrenzen und eine bessere Vergütung.
Kritiker halten dagegen, dass jede Leistung finanziert werden müsse. Steigende Personalkosten würden die Beitragslast erhöhen und somit auch jüngere Beitragszahler belasten. Einerseits sei mehr Personal wünschenswert, andererseits stoße die Solidarität an Grenzen, wenn die Beiträge immer weiter stiegen.
Beide Seiten haben einen Punkt. Dennoch bleibt festzuhalten: Eine Gesellschaft, die ihre Pflegebedürftigen gut versorgt, investiert in ihren eigenen Zusammenhalt. Die Frage ist folglich nicht nur, was Pflege kostet, sondern welchen Wert wir ihr beimessen.
Üben Link zu Überschrift
Aufgabe 1 — Argumente zuordnen (Niveau: B1+/B2) Link zu Überschrift
Ist das Argument ökonomisch (Ö), demografisch (D) oder ethisch (E)?
- „In den nächsten zehn Jahren geht ein Viertel des Personals in Rente.“
- „Gute Pflege ist eine Frage der Menschenwürde.“
- „Höhere Löhne treiben die Beitragslast in die Höhe.“
- „Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst mit der alternden Bevölkerung.“
- „Wer Pflege als Investition begreift, spart später bei den Krankenhauskosten.“
Aufgabe 2 — Passiv & Nominalisierung (Niveau: B2) Link zu Überschrift
Formen Sie um. a) Bilden Sie das Passiv. b) Nominalisieren Sie den Kern.
- Der Staat führt Personaluntergrenzen ein. → a) Passiv: __________ → b) Nomen: die __________ von Personaluntergrenzen
- Man erhöht die Vergütung. → a) Passiv: __________ → b) Nomen: die __________ der Vergütung
- Die Kassen finanzieren die Leistungen. → a) Passiv: __________ → b) Nomen: die __________ der Leistungen
Aufgabe 3 — Indirekte Rede (Konjunktiv I) (Niveau: B2) Link zu Überschrift
Geben Sie die Aussagen als indirekte Rede wieder. Beginnen Sie mit „Die Ministerin sagt, …“ bzw. „Kritiker meinen, …“.
- „Das System ist finanzierbar.“ (Die Ministerin)
- „Die Reform kommt zu spät und hilft nur kurzfristig.“ (Kritiker)
- „Wir haben keine Alternative zur Zuwanderung.“ (Die Ministerin)
Aufgabe 4 — Stellungnahme mündlich vorbereiten (Niveau: B2+) Link zu Überschrift
Bereiten Sie in Stichpunkten eine kurze Stellungnahme (ca. 2 Min.) zu folgender These vor. Nutzen Sie mindestens vier Konnektoren aus dem Grammatik-Kasten und drei Wortschatzitems.
„Pflege sollte grundsätzlich nicht nach wirtschaftlicher Rendite organisiert werden.“
Gliederung: These nennen → einerseits (Pro) → andererseits (Kontra) → eigene Position → folglich (Schluss).
Niveau-Differenzierung:
- Leichter: Nutzen Sie den Gerüst-Satz „Einerseits …, andererseits … Dennoch bin ich der Meinung, dass …“.
- Schwerer: Bauen Sie zusätzlich einen Konjunktiv-II-Vorschlag ein („Man könnte / Es wäre sinnvoll, …“) und eine Passivkonstruktion.
Lösungen
Aufgabe 1. 1) D · 2) E · 3) Ö · 4) D · 5) Ö.
Aufgabe 2. (Musterlösungen)
- a) Personaluntergrenzen werden (vom Staat) eingeführt. b) die Einführung von Personaluntergrenzen.
- a) Die Vergütung wird erhöht. b) die Erhöhung der Vergütung.
- a) Die Leistungen werden (von den Kassen) finanziert. b) die Finanzierung der Leistungen.
Aufgabe 3. (Musterlösungen)
- Die Ministerin sagt, das System sei finanzierbar.
- Kritiker meinen, die Reform komme zu spät und helfe nur kurzfristig.
- Die Ministerin sagt, sie hätten keine Alternative zur Zuwanderung (oder: man habe keine Alternative …).
Aufgabe 4. Individuelle Lösung. Achten Sie auf: klare These, abgewogenes einerseits/andererseits, eine erkennbare eigene Position und einen folglich-Schluss. Beispiel-Einstieg: „Einerseits darf gute Betreuung nicht von der Rendite abhängen, andererseits muss jede Leistung finanziert werden. Dennoch bin ich der Meinung, dass das Solidarprinzip Vorrang haben sollte; folglich sollten Personaluntergrenzen gesetzlich verankert werden.“
Anwenden Link zu Überschrift
Produktionsaufgabe — Pro-und-Kontra-Diskussion (ca. 8 Min.) Link zu Überschrift
Arbeiten Sie zu zweit. A vertritt die These, B die Gegenthese. Diskutieren Sie das Thema:
„Der Staat sollte gesetzliche Personaluntergrenzen in der Pflege vorschreiben.“
Ablauf: Position nennen (je 1 Min.) → freie Diskussion mit Argument und Gegenargument (5 Min.) → gemeinsames Fazit: Wo liegen Sie auseinander, wo näher beieinander? (2 Min.).
Kriterien für gelungenes Sprechen:
- Ich nenne mindestens zwei Argumente und reagiere auf das Gegenüber (Das mag stimmen, dennoch …).
- Ich verwende Konnektoren zum Abwägen und Schließen.
- Ich baue mindestens einen Konjunktiv-II-Vorschlag und eine Passivkonstruktion ein.
- Ich nutze vier Fachbegriffe aus dem Wortschatz korrekt.
Prüfung Link zu Überschrift
GER B2 — Modul Sprechen, Teil 2 (Diskussion, Paarprüfung) Link zu Überschrift
Aufgabenstellung (ca. 5 Min.): Sie erhalten eine These. Person A argumentiert dafür, Person B dagegen. Nennen Sie je mindestens zwei Argumente, gehen Sie auf Ihr Gegenüber ein und formulieren Sie am Ende eine kurze eigene Position. Eine Einigung ist nicht erforderlich.
These: „Pflege ist eine gesellschaftliche Aufgabe und sollte vollständig aus Steuern finanziert werden — nicht über Versicherungsbeiträge.“
Bewertungsrubrik (20 Punkte):
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Aufgabenbewältigung (2 Argumente + Position, Bezug zur These) | 5 |
| Interaktion (auf Partner eingehen, nachfragen, widersprechen) | 5 |
| Wortschatz (Fachbegriffe des Pflegediskurses, Genauigkeit) | 4 |
| Grammatik (Konnektoren, Passiv, Konjunktiv I/II, Nebensätze) | 4 |
| Aussprache & Flüssigkeit (verständlich, wenig Stocken) | 2 |
| Gesamt | 20 |
Bestehensgrenze (Orientierung): 12 / 20 Punkte.
Reflexion Link zu Überschrift
Kreuzen Sie ehrlich an:
- Ich unterscheide ökonomische, demografische und ethische Argumente.
- Ich gebe eine fremde Aussage in indirekter Rede (Konjunktiv I) wieder.
- Ich bilde sicher das Passiv, auch mit Modalverb.
- Ich mache einen höflichen Vorschlag im Konjunktiv II.
- Ich verknüpfe Argumente mit einerseits/andererseits, dennoch, folglich, im Gegensatz dazu.
- Ich halte 5 Minuten eine begründete Gegenthese durch.
Kurze Selbstnotiz: Welche eine Redewendung möchte ich in der nächsten Diskussion bewusst einsetzen? __________
Hinweise für Lehrkräfte Link zu Überschrift
Zeitplan (45 Min.):
| Phase | Aktivität | Zeit |
|---|---|---|
| Einstieg | Fragen in Kleingruppen, kurze Blitzlicht-Runde | 6' |
| Input | Wortschatz + Grammatik-Kasten, Hörtext (2× vorlesen) | 12' |
| Üben | Aufgaben 1–3 in Partnerarbeit, Aufgabe 4 einzeln | 13' |
| Anwenden | Pro-/Kontra-Diskussion in Paaren | 10' |
| Reflexion | Checkliste + Selbstnotiz | 4' |
Gruppierung: Für den Hörtext frontal vorlesen (Skill Hören). Üben in Zufallspaaren; für die Diskussion A/B-Rollen per Los verteilen, damit auch schwächere Lernende die ungewohnte Position vertreten müssen.
Differenzierung:
- Stärkere Lernende: verlangen Sie in der Diskussion aktiv Konjunktiv I bei der Wiedergabe von Gegenargumenten („Mein Partner meint, das sei …“).
- Schwächere Lernende: Redemittelkarten mit Satzgerüsten („Einerseits …, andererseits …“, „Ich sehe das anders, denn …“) bereitstellen; Aufgabe 2b (Nominalisierung) optional.
- Binnendifferenzierung Hörtext: schwächere Gruppe bekommt die drei Verständnisfragen vor dem zweiten Hören, stärkere erst danach.
Stolperfallen im Wortschatz:
- „Anerkennung“ — gesellschaftliche Wertschätzung vs. formale Berufs-/Abschlussanerkennung: aus dem Kontext klären.
- „Vergütung“ ist breiter als „Gehalt“ (inkl. Zulagen, Boni).
- „Kostenposition“ trägt eine negative Rahmung; „Investition“ eine positive — ideal für die Reframing-Übung.
Quellen Link zu Überschrift
- Health at a Glance: Europe 2024 — OECD (2024). https://www.oecd.org/en/publications/health-at-a-glance-europe-2024_b3704e14-en.html · Lizenz: OECD-Nutzungsbedingungen / CC BY-NC-SA 3.0 IGO (paraphrasiert, mit Quellenangabe).
- WHO/Europe launches EU-funded „Nursing Action“ project to address nursing shortages in the EU — WHO Regional Office for Europe (2025). https://www.who.int/europe/news-room/events/item/2025/01/17/default-calendar/who-europe-launches-eu-funded--nursing-action--project-to-address-nursing-shortages-in-the-eu · Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 IGO (paraphrasiert, mit Quellenangabe).
- Pflegevorausberechnung / Pflegestatistik — Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024). https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/_inhalt.html · Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0 (DL-DE-BY-2.0), Zahlen paraphrasiert.
Alle Lese- und Hörtexte dieser Einheit sind Originaltexte der Autorin/des Autors. Es wurde kein urheberrechtlich geschütztes Fremdmaterial übernommen; die genannten Quellen liefern ausschließlich paraphrasierte, öffentlich zugängliche Fakten.
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der Pflegenotstand · die Pflegebedürftigkeit · die Vergütung · die Anerkennung · die Fachkräftelücke · die Zuwanderung / die Migration · der demografische Wandel · das Solidarprinzip · die Beitragslast · die Ökonomisierung · die Personaluntergrenze · entlasten / die Entlastung
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Radio-Kommentar: „Kostet oder investiert?
Guten Abend. Über den Pflegenotstand wird seit Jahren geredet,
und dennoch ändert sich wenig. Das liegt, so wird oft behauptet,
allein am Geld. Doch diese Erklärung greift zu kurz.
Betrachten wir zunächst die Fakten. Einerseits wächst die Zahl
der pflegebedürftigen Menschen mit dem demografischen Wandel
stetig; andererseits geht ein großer Teil des heutigen Personals
in den nächsten zehn Jahren in Rente. Die Lücke wird derzeit
vor allem durch Zuwanderung geschlossen — eine Lösung, die
hilft, das strukturelle Problem aber nicht beseitigt.
Nun sagen die einen, bessere Vergütung und verbindliche
Personaluntergrenzen seien schlicht zu teuer. Die anderen
entgegnen, wer so rechne, verwechsle Kosten mit Investition.
Denn eine gute Personalausstattung, so das Argument, senke
mittelfristig die Zahl der Krankenhauseinweisungen und halte
erfahrene Kräfte im Beruf. Im Gegensatz dazu erzeugt ein
ausgezehrtes System Folgekosten, die in keiner Bilanz stehen.
Bleibt die Frage der Solidarität. Unser Gesundheitssystem beruht
auf dem Solidarprinzip: Die Stärkeren tragen die Schwächeren mit.
Würde dieses Prinzip auf die Pflege konsequent angewandt, dann
wäre gute Betreuung kein Privileg, sondern ein Recht. Folglich
ist die eigentliche Frage nicht, ob wir uns Pflege leisten
können, sondern ob wir uns leisten wollen, sie weiter zu
vernachlässigen. Guten Abend.
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Solidarität mit Grenzen?
Das deutsche Gesundheitssystem gilt als solidarisch: Wer mehr
verdient, zahlt höhere Beiträge, ohne dafür bessere Leistungen
zu erhalten. Dieses Solidarprinzip wird jedoch zunehmend auf
die Probe gestellt. Zwar wird die Versorgung formal allen
garantiert, doch in der Praxis entscheidet oft der Wohnort oder
die Verfügbarkeit von Personal darüber, wie gut jemand betreut
wird.
Befürworter einer stärkeren staatlichen Steuerung argumentieren,
Pflege dürfe nicht nach betriebswirtschaftlicher Rendite
organisiert werden. Werde die Pflege der Marktlogik überlassen,
so ihre Sorge, gerieten gerade wenig „profitable Patientinnen
und Patienten ins Hintertreffen. Sie fordern deshalb
verbindliche Personaluntergrenzen und eine bessere Vergütung.
Kritiker halten dagegen, dass jede Leistung finanziert werden
müsse. Steigende Personalkosten würden die Beitragslast erhöhen
und somit auch jüngere Beitragszahler belasten. Einerseits sei
mehr Personal wünschenswert, andererseits stoße die Solidarität
an Grenzen, wenn die Beiträge immer weiter stiegen.
Beide Seiten haben einen Punkt. Dennoch bleibt festzuhalten:
Eine Gesellschaft, die ihre Pflegebedürftigen gut versorgt,
investiert in ihren eigenen Zusammenhalt. Die Frage ist folglich
nicht nur, was Pflege kostet, sondern welchen Wert wir ihr
beimessen.
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These: **„Pflege ist eine gesellschaftliche Aufgabe und sollte
vollständig aus Steuern finanziert werden — nicht über
Versicherungsbeiträge.**
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