Einheit 5 — Kunst und Kultur: Ausstellung besprechen
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B2
Lernziele Link zu Überschrift
Kann-Beschreibungen (GER B2):
- Ich verstehe eine Ausstellungs-Rezension im Radio.
- Ich schreibe eine Kurzrezension mit Begründung.
- Ich kenne Wortschatz zu Museums- / Kunstbesprechung.
I-can-Ziele für diese Einheit:
- Ich kann in einer Radio-Diskussion die Standpunkte mehrerer Sprecher:innen unterscheiden und zuordnen, auch wenn Kritik indirekt formuliert wird.
- Ich kann ein Kunstwerk auf drei Ebenen erschließen: beschreiben (was ist zu sehen), interpretieren (was könnte es bedeuten) und bewerten (wie überzeugend ist es).
- Ich kann in einer Stellungnahme zwei Positionen abwägen und mit Konnektoren wie einerseits/andererseits, dennoch, folglich und im Gegensatz dazu strukturieren.
- Ich kann Kritik höflich und begründet formulieren, ohne verletzend zu werden (Konjunktiv II, abschwächende Wendungen).
Einstieg Link zu Überschrift
Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Museum vor einem Gemälde, das Sie zunächst nicht verstehen. Eine Besucherin neben Ihnen sagt leise: „Kitsch.“ Ein anderer flüstert: „Ein Meisterwerk.“ Beide sehen dasselbe Bild — und beurteilen es gegensätzlich. Über Kunst zu sprechen heißt, den eigenen Eindruck in Worte zu fassen und ihn so zu begründen, dass andere ihn nachvollziehen können, auch wenn sie ihn nicht teilen.
Einstiegsfragen (Partnerarbeit):
- Welche Ausstellung, welcher Film oder welches Konzert hat Sie zuletzt beeindruckt — und warum genau?
- Worin unterscheidet sich eine Rezension von einer bloßen Information über eine Veranstaltung?
- Kann man über Geschmack streiten? Wann ist eine Bewertung „nur Meinung“, wann ist sie begründet?
Input Link zu Überschrift
A. Wortschatz Link zu Überschrift
| Wort / Wendung | Bedeutung / Verwendung |
|---|---|
| die Kuratorin / der Kurator | plant und verantwortet eine Ausstellung |
| die Hängung | Art, wie die Werke an den Wänden angeordnet sind |
| das Exponat | einzelnes ausgestelltes Objekt |
| die Konzeption | Grundidee, Gesamtplan einer Ausstellung |
| der Bildaufbau / die Komposition | Anordnung von Formen und Farben im Bild |
| der Vordergrund / Hintergrund | vorderer / hinterer Bildbereich |
| die Farbgebung | Einsatz und Wirkung der Farben |
| ausdrucksstark | mit starker emotionaler Wirkung |
| die Wandtexte (Pl.) | erklärende Beschriftungen im Ausstellungsraum |
| ebenbürtig | gleichrangig, von gleichem Wert |
| in den Kanon aufnehmen | offiziell als bedeutend anerkennen |
| kritisch anmerken | einen Einwand höflich formulieren |
B. Grammatik im Fokus Link zu Überschrift
1. Passiv der Beschreibung. In Rezensionen steht oft nicht die handelnde Person im Vordergrund, sondern das Werk:
Im Vordergrund wird eine Frau dargestellt. Die Ausstellung wurde von zwei Kuratorinnen konzipiert. Die Werke sind dicht gehängt worden. (Perfekt Passiv)
2. Konjunktiv II — höfliche Kritik. Direkte Kritik lässt sich mit dem Konjunktiv II abschwächen:
„Der Katalog ist zu dünn.“ → „Der Katalog könnte ausführlicher sein.“ „Man hätte mehr Biografisches zeigen können.“
3. Konjunktiv I — indirekte Rede. Wenn Sie wiedergeben, was jemand gesagt hat, verwenden Sie den Konjunktiv I:
Die Kuratorin sagt, die Malerinnen seien systematisch vergessen worden. Der Kritiker meint, die Hängung wirke zu dicht.
4. Nominalisierung. Argumentative Texte verdichten Aussagen zu Nomen:
„Die Werke wurden neu entdeckt.“ → „die Wiederentdeckung der Werke“; „Man hängt die Bilder dicht.“ → „die dichte Hängung der Bilder“.
Konnektoren zum Abwägen: einerseits … andererseits, im Gegensatz dazu, dennoch, folglich, zwar … aber, trotzdem.
C. Hörtext (zum Vorlesen) Link zu Überschrift
Die folgende Radio-Diskussion liest die Lehrkraft einmal in normalem Tempo vor. Die Lernenden hören zunächst ohne mitzulesen.
Kulturradio — „Blickwinkel“. Thema: die Ausstellung „Frauen der Wiener Moderne — Wiederentdeckt“.
Moderatorin: Herzlich willkommen. Bei mir sind die Kuratorin Dr. Hübner, der Kunstkritiker Herr Ritter und die Besucherin Frau Aldan. Frau Dr. Hübner, worum geht es in dieser Schau?
Dr. Hübner: Um Gerechtigkeit, ehrlich gesagt. Neben Klimt und Schiele malten Frauen wie Broncia Koller-Pinell auf gleichem Niveau — und wurden dennoch aus dem Kanon gedrängt. Wir zeigen vierundachtzig Werke, viele davon zum ersten Mal öffentlich.
Ritter: Die Konzeption ist mutig, das erkenne ich an. Doch die Hängung ist mir zu dicht. Manche Bilder brauchen Raum, um zu wirken; hier hängen sie fast Rahmen an Rahmen.
Frau Aldan: Als Besucherin habe ich die Audiotour geschätzt — sie hat mir die Farbgebung erklärt. Gefehlt hat mir allerdings das Biografische: Wer waren diese Frauen im Alltag?
Dr. Hübner: Der Alltag steht bewusst im Katalog, nicht an den Wänden. Einerseits wollten wir die Werke sprechen lassen, andererseits war der Platz begrenzt. Folglich mussten wir auswählen.
Ritter: Und genau diese Auswahl überzeugt mich künstlerisch. Im Gegensatz zu vielen Jubiläumsschauen wirkt hier nichts beliebig. Trotz der dichten Hängung bleibt der rote Faden klar.
Frau Aldan: Dem stimme ich zu. Ich bin ohne Erwartung gekommen und gehe mit einer Entdeckung.
D. Kontext (recherchiert und paraphrasiert) Link zu Überschrift
Broncia Koller-Pinell (1863–1934) gilt als eine der bedeutendsten österreichischen Malerinnen der Jahrhundertwende. Frei zusammengefasst nach frei lizenzierten Nachschlagewerken: Sie wurde als Bronisława Pineles in Sanok geboren, kam mit sieben Jahren nach Wien und erhielt zunächst privaten Unterricht, später eine Ausbildung in München und Wien. Ab den 1890er-Jahren stand sie dem Kreis um Gustav Klimt und Josef Hoffmann nahe; 1913 wurde sie in den Bund österreichischer Künstler aufgenommen. Ihr Werk umfasst vor allem Stillleben, Porträts und Landschaften. Da die Künstlerin 1934 starb, sind ihre Werke gemeinfrei. Solche Biografien zeigen, warum das Schlagwort Wiederentdeckung in aktuellen Ausstellungen so häufig fällt (siehe Quellen).
Üben Link zu Überschrift
Niveau-Differenzierung: ⚑ = Grundniveau · ⚑⚑ = Zielniveau B2 · ⚑⚑⚑ = Erweiterung. Wählen oder kombinieren Sie je nach Gruppe.
Aufgabe 1 — Wer sagt was? ⚑ (Hörverstehen) Ordnen Sie die Aussagen den Personen zu: H = Hübner · R = Ritter · A = Aldan.
- Die Hängung ist zu dicht.
- Wir zeigen vierundachtzig Werke.
- Mir hat das Biografische gefehlt.
- Der rote Faden bleibt trotz allem klar.
- Die Werke sollten für sich sprechen.
- Ich gehe mit einer Entdeckung nach Hause.
Aufgabe 2 — Kritik höflich formulieren. ⚑⚑ (Konjunktiv II) Wandeln Sie die direkte Kritik in eine höfliche, begründete Version um.
- „Die Hängung ist schlecht.“ → …
- „Der Katalog ist oberflächlich.“ → …
- „Die Wandtexte sind zu kurz.“ → …
Aufgabe 3 — Beschreiben – Interpretieren – Bewerten. ⚑⚑ Ordnen Sie jede Formulierung der richtigen Ebene zu (B = Beschreiben · I = Interpretieren · W = Bewerten).
- „Im Vordergrund wird eine sitzende Frau dargestellt.“
- „Die kühle Farbgebung wirkt distanziert, fast melancholisch.“
- „Meiner Ansicht nach ist die Komposition überzeugend gelöst.“
- „Der dunkle Hintergrund hebt das helle Gesicht hervor.“
- „Vermutlich soll der leere Raum die Einsamkeit betonen.“
- „Das Werk verdient zu Recht seinen Platz im Kanon.“
Aufgabe 4 — Nominalisierung & Konnektoren. ⚑⚑⚑ Verbinden Sie die beiden Sätze zu einem Satz. Nominalisieren Sie den ersten Teil und nutzen Sie den Konnektor in Klammern.
- Die Werke wurden neu entdeckt. Das Publikum reagierte begeistert. (folglich)
- Die Konzeption überzeugt. Die Hängung bleibt zu dicht. (dennoch)
- Man hängt die Bilder dicht. Der rote Faden bleibt erkennbar. (im Gegensatz dazu / trotz)
Lösungen
Aufgabe 1. 1 = R · 2 = H · 3 = A · 4 = R · 5 = H · 6 = A.
Aufgabe 2 (Musterlösungen).
- „Die Hängung wirkt auf mich sehr dicht; einige Werke könnten mehr Raum vertragen.“
- „Der Katalog könnte die biografische Seite ausführlicher behandeln.“
- „Man hätte die Wandtexte etwas informativer gestalten können.“
Aufgabe 3. 1 = B · 2 = I · 3 = W · 4 = B · 5 = I · 6 = W.
Aufgabe 4 (Musterlösungen).
- „Aufgrund der Wiederentdeckung der Werke reagierte das Publikum begeistert.“ / „Die Werke wurden wiederentdeckt, folglich reagierte das Publikum begeistert.“
- „Trotz der überzeugenden Konzeption bleibt die Hängung dennoch zu dicht.“
- „Im Gegensatz zur dichten Hängung der Bilder bleibt der rote Faden erkennbar.“ / „Trotz der dichten Hängung der Bilder bleibt der rote Faden erkennbar.“
Anwenden Link zu Überschrift
Produktionsaufgabe — Stellungnahme (B2, ca. 250–300 Wörter).
In der Diskussion fällt der Satz: „Ausstellungen sollten die Werke für sich sprechen lassen und auf ausführliche Biografien verzichten.“ Nehmen Sie schriftlich Stellung.
Ihre Erörterung soll enthalten:
- eine Einleitung, die das Thema und die Streitfrage benennt;
- einen Absatz einerseits (Argumente für das Weglassen von Biografien) und einen Absatz andererseits (Argumente dagegen), jeweils mit Begründung und Beispiel;
- eine abwägende Schlussfolgerung mit Ihrer eigenen Position (folglich / dennoch).
Bewertungskriterien:
| Kriterium | Erwartung |
|---|---|
| Inhalt & Argumentation | zwei Seiten, je begründet, klare Position |
| Struktur & Konnektoren | einerseits/andererseits, dennoch, folglich korrekt |
| Grammatik B2 | Passiv, Konjunktiv II, Nominalisierung sinnvoll eingesetzt |
| Wortschatz | präzise Kunst-/Bewertungslexik |
| Sprachliche Korrektheit | verständlich trotz einzelner Fehler |
Prüfung — GER B2, Modul Hören (Teil 3) Link zu Überschrift
Aufgabenstellung: Sie hören die Radio-Diskussion „Blickwinkel“ (Input C) einmal. Entscheiden Sie bei jeder Aussage, welche Person sie äußert: H = Dr. Hübner · R = Ritter · A = Frau Aldan. Für jede Aussage ist nur eine Person richtig.
- „Frauen malten auf gleichem Niveau wie Klimt und Schiele.“
- „Manche Bilder brauchen mehr Raum, um zu wirken.“
- „Der Alltag der Künstlerinnen steht bewusst im Katalog.“
- „Die Audiotour hat mir die Farbgebung erklärt.“
- „Im Gegensatz zu vielen Jubiläumsschauen wirkt nichts beliebig.“
- „Ich bin ohne Erwartung gekommen und gehe mit einer Entdeckung.“
Lösungen
1 = H · 2 = R · 3 = H · 4 = A · 5 = R · 6 = A.
Punkte-Rubrik (6 Punkte):
| Punkte | Leistung |
|---|---|
| 6 | alle 6 Zuordnungen korrekt |
| 4–5 | 4–5 korrekt — sicheres Hörverstehen |
| 2–3 | 2–3 korrekt — Hauptaussagen teilweise erfasst |
| 0–1 | 0–1 korrekt — Wiederholung mit Lesestütze nötig |
Bestehensgrenze: 60 % (≥ 4 von 6 Punkten).
Reflexion Link zu Überschrift
- Ich kann in einer Radio-Diskussion Standpunkte den Sprecher:innen zuordnen.
- Ich kann ein Werk beschreiben, interpretieren und bewerten und diese Ebenen unterscheiden.
- Ich kann Kritik mit Konjunktiv II höflich formulieren.
- Ich kann eine Stellungnahme mit einerseits/andererseits, dennoch und folglich strukturieren.
- Ich benutze Passiv und Nominalisierung in Beschreibungen sicher.
Hinweise für Lehrkräfte Link zu Überschrift
Zeitplan (45 Minuten):
| Phase | Zeit | Sozialform |
|---|---|---|
| Einstieg | 5 min | Plenum → Partnerarbeit |
| Input A–D | 12 min | Plenum (Vorlesen C!) |
| Üben 1–4 | 15 min | Einzel- / Partnerarbeit |
| Anwenden | 10 min | Einzelarbeit (Beginn) |
| Reflexion | 3 min | Plenum |
Zum Hörteil: Lesen Sie den Hörtext (Input C) einmal zügig und deutlich vor; die Lernenden hören ohne mitzulesen. Für die Prüfungssimulation lesen Sie ein zweites Mal, während die Aufgabe bearbeitet wird. Schwächeren Gruppen darf der Text nach der ersten Aufgabe als Lesetext vorliegen.
Gruppierung: Aufgabe 1 einzeln (Diagnose des Hörverstehens), Aufgaben 2–4 in Paaren (gegenseitige Korrektur der Konjunktiv-II- und Nominalisierungsformen).
Differenzierung:
- ⚑ Grundniveau: Aufgabe 4 als Lückensatz mit vorgegebenen Nomen anbieten; Anwenden auf 150 Wörter verkürzen.
- ⚑⚑⚑ Erweiterung: Lernende beschreiben zusätzlich ein selbst gewähltes gemeinfreies Gemälde (z. B. von Koller-Pinell auf Wikimedia Commons) auf allen drei Ebenen.
Anschlussaufgabe (Hausaufgabe): Kurzrezension einer realen Ausstellung, eines Films oder Konzerts (ca. 120 Wörter) mit Thema, zwei Stärken, einem begründeten Kritikpunkt und einer Empfehlung.
Quellen Link zu Überschrift
- Broncia Koller-Pinell — Wikipedia (englischsprachige Fassung), abgerufen 2026-07-21, https://en.wikipedia.org/wiki/Broncia_Koller-Pinell, Lizenz CC BY-SA 4.0. (Biografische Angaben paraphrasiert.)
- File:Broncia Koller-Pinell – Portrait of a woman.jpg — Wikimedia Commons, abgerufen 2026-07-21, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Broncia_Koller-Pinell_-_Portrait_of_a_woman.jpg, gemeinfrei (Künstlerin † 1934).
Alle Lese- und Hörtexte dieser Einheit sind Originaltexte des Autors. Es besteht keine Verbindung zu den genannten Museen oder Institutionen; Namen der Diskussionsteilnehmenden sind erfunden.
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Wortschatz, Dialoge und Texte dieser Einheit als Audio, gesprochen von einer muttersprachlichen Stimme. Der gesprochene Text steht jeweils darunter.
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die Kuratorin / der Kurator · die Hängung · das Exponat · die Konzeption · der Bildaufbau / die Komposition · der Vordergrund / Hintergrund · die Farbgebung · ausdrucksstark · die Wandtexte (Pl.) · ebenbürtig · in den Kanon aufnehmen · kritisch anmerken
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Im Vordergrund wird eine Frau dargestellt.
Die Ausstellung wurde von zwei Kuratorinnen konzipiert.
Die Werke sind dicht gehängt worden. (Perfekt Passiv)
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Die folgende Radio-Diskussion liest die Lehrkraft einmal in
normalem Tempo vor. Die Lernenden hören zunächst ohne
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Inhalt & Argumentation · Struktur & Konnektoren · Grammatik B2 · Wortschatz · Sprachliche Korrektheit
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6 · 4–5 · 2–3 · 0–1
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Einstieg · Input A–D · Üben 1–4 · Anwenden · Reflexion

