Einheit 4 — Arbeitswelt im Wandel: KI und Beruf
Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B2
Lernziele Link zu Überschrift
Kann-Beschreibungen (GER B2):
- Ich erkenne Standpunkte in Meinungsäußerungen.
- Ich vertrete eine eigene Haltung argumentativ.
- Ich diskutiere pro/kontra KI im Berufsleben.
Konkretisierte I-can-Ziele für diese Einheit:
- Ich unterscheide zustimmende, ablehnende und abwägende Positionen in einem Meinungstext und begründe meine Einordnung.
- Ich formuliere eine These, stütze sie mit einem Beleg und schwäche sie durch eine Einschränkung ab (einerseits/andererseits, dennoch, folglich).
- Ich halte einen strukturierten Vortrag (ca. 4 Min.) und führe anschließend eine argumentative Diskussion (ca. 5 Min.).
- Ich verwende Passiv, Konjunktiv I (indirekte Rede) und Nominalisierungen, um sachlich und distanziert zu argumentieren.
Einstieg Link zu Überschrift
Nihad Kovač, Kulturmanager, moderiert in Berlin ein Panel mit dem provokanten Titel: „Wird der kreative Beruf durch KI ersetzt?“ Vier Gäste — aus Journalismus, Übersetzung, Softwareentwicklung und Theater — sind eingeladen. Noch bevor die erste Frage gestellt wird, raunt es im Publikum: Die einen erwarten eine Abrechnung mit der Technik, die anderen erhoffen sich einen Aufbruch. Kovač lächelt und sagt nur: „Vermutlich werden Sie heute vier sehr verschiedene Wahrheiten hören — und keine davon ist ganz falsch.“
Einstiegsfragen (Partnerarbeit):
- Welche Berufe gelten in den Medien als „von KI bedroht“ — und welche als „von KI aufgewertet“?
- Welchen Teil Ihrer eigenen Tätigkeit könnten Sie nicht automatisieren lassen? Warum nicht?
- Wo empfinden Sie KI als hilfreich, wo als lästig oder riskant?
Input Link zu Überschrift
A. Vokabeltabelle (B2) Link zu Überschrift
| Wort / Wendung | Erläuterung / Kollokation |
|---|---|
| die Automatisierung | Ersetzung menschlicher Arbeit durch Maschinen |
| das Automatisierungspotenzial | Anteil der Tätigkeit, der automatisierbar ist |
| die Verdrängung (von Arbeitsplätzen) | das Wegfallen von Stellen |
| die Umschulung / die Weiterbildung | neue Qualifikation erwerben |
| die Schlüsselkompetenz | zentrale, gefragte Fähigkeit |
| die Nuance abwägen | feine Unterschiede beurteilen |
| ein Segen / ein Fluch sein | großer Vorteil / großer Nachteil |
| etwas in Frage stellen | anzweifeln, kritisch prüfen |
| die Produktivität steigern | mehr Ertrag pro Zeiteinheit erzielen |
| unverzichtbar bleiben | weiterhin unbedingt notwendig sein |
B. Grammatik im Fokus Link zu Überschrift
Sachlich argumentieren auf B2 — drei Werkzeuge
1. Passiv (Vorgang ohne Handelnden): Routineaufgaben werden zunehmend automatisiert. / In der Studie wurde festgestellt, dass …
2. Konjunktiv I (indirekte Rede, Distanz zur Quelle): Die OECD schreibt, kognitive Berufe seien besonders stark betroffen. / Man sagt, KI werde mehr Jobs schaffen als zerstören.
3. Nominalisierung (Verdichtung, akademischer Ton): Weil sich die Arbeit verändert → Aufgrund der Veränderung der Arbeit … / Dass Menschen zusammenarbeiten, bleibt wichtig → Die Zusammenarbeit von Menschen bleibt wichtig.
Konnektoren zum Abwägen: einerseits … andererseits · im Gegensatz dazu · dennoch · folglich · zwar … aber · demzufolge.
C. Vier Meinungsäußerungen (original) Link zu Überschrift
Journalismus — Jana: „Die Recherche beschleunigt sich, das ist ein Segen. Aber wenn KI den Kommentar schreibt, verliert die Zeitung ihre Stimme. Die Grenze ist für mich klar: Fakten sammeln ja, Meinung formulieren nein.“
Übersetzung — Pavel: „Für technische Texte nutze ich KI jeden Tag; die Zeitersparnis ist enorm. Literaturübersetzung hingegen bleibt anstrengend persönlich — die Nuance ist nicht berechenbar, und genau darin liegt mein Wert.“
Softwareentwicklung — Amira: „Ich war skeptisch. Heute benutze ich KI als Partnerin beim Debuggen und bin deutlich schneller. Was ich vermisse, sind die Kolleg:innen, mit denen ich früher über jede Zeile Code diskutiert habe.“
Theater — Leo: „Ein Schauspiel funktioniert, weil zwischen Menschen etwas Unberechenbares geschieht. Kein Modell kann das nachstellen — dennoch könnte KI die Textarbeit vor der Probe erleichtern. Ersetzen wird sie den Abend nicht.“
D. Lesetext (original, B2, ~300 Wörter) Link zu Überschrift
Zwischen Verdrängung und Aufwertung
Kaum ein Thema wird derzeit so hitzig diskutiert wie die Frage, ob künstliche Intelligenz Arbeitsplätze vernichtet oder schafft. Einerseits werden Routineaufgaben, die früher ganze Abteilungen beschäftigten, heute in Sekunden erledigt; folglich fürchten viele Beschäftigte um ihre Stelle. Andererseits zeigt ein genauerer Blick, dass die Wirklichkeit vielschichtiger ist, als es die Schlagzeilen vermuten lassen.
Auffällig ist zunächst, welche Tätigkeiten überhaupt betroffen sind. Anders als bei früheren Automatisierungswellen, die vor allem körperliche Arbeit ersetzten, gelten diesmal gerade kognitive, nicht-routinierte Berufe — etwa Programmieren, Übersetzen oder Dolmetschen — als besonders stark exponiert. Genau in diesen Bereichen kann generative KI einen erheblichen Teil der Aufgaben übernehmen. Dennoch bedeutet hohe Exposition nicht automatisch Verdrängung: Wird ein Teil der Arbeit schneller erledigt, verschiebt sich der Schwerpunkt oft auf jene Anteile, die eine Maschine gerade nicht leisten kann.
Im Gegensatz zu einer rein pessimistischen Lesart deuten mehrere Analysen darauf hin, dass die Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten sogar steigt. Gefragt seien, so heißt es in einer OECD-Untersuchung, vor allem Management, soziale Kompetenzen und Originalität — also genau jene menschlichen Stärken, die sich schwer formalisieren lassen. Die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen und die Fähigkeit, Neues zu schaffen, würden demzufolge wichtiger, nicht unwichtiger.
Was folgt daraus für die einzelne Person? Wer die Entwicklung mitgestalten will, kommt an kontinuierlicher Weiterbildung kaum vorbei. Zwar lässt sich die Zukunft nicht sicher vorhersagen, dennoch zeichnet sich ein Muster ab: Nicht die Technik allein entscheidet über Gewinner und Verlierer, sondern die Frage, wie Aufgaben, Qualifikationen und Verantwortung neu verteilt werden. Die Arbeitswelt wird also nicht einfach ersetzt — sie wird umgebaut.
E. Kontext mit Quelle (paraphrasiert und zitiert) Link zu Überschrift
Nach Angaben der OECD-Studie Skills in the AI age (2026) sind kognitive, nicht-routinierte Tätigkeiten — darunter Programmieren, Übersetzen und Dolmetschen — am stärksten von generativer KI betroffen; zugleich steige die Nachfrage nach Management-, Sozial- und Originalitätskompetenzen (CC BY 4.0). Ein Bericht der Weltbank, Future Jobs (2025), weist für Ostasien und den Pazifik sogar darauf hin, dass der Einsatz von Robotern die Beschäftigung in der Industrie erhöht habe, weil höhere Produktivität die Produktion insgesamt ausweitete (CC BY 3.0 IGO). Beide Befunde stützen die Deutung, dass Automatisierung nicht zwangsläufig zu Arbeitsplatzabbau führt.
Üben Link zu Überschrift
Aufgabe 1 — Position erkennen (Niveau A, leichter). Ordnen Sie jede Person einer Position zu: eher pro · teils/teils · eher kontra.
- Jana →
- Pavel →
- Amira →
- Leo →
Aufgabe 2 — Redemittel zuordnen (Niveau A/B). Welche der vier Aussagen aus Abschnitt C nutzt …
- eine klare Grenzziehung (ja/nein)?
- einen Fachvergleich (technisch vs. literarisch)?
- einen emotional-kulturellen Beleg?
- eine Einschränkung mit dennoch?
Aufgabe 3 — Passiv und Nominalisierung (Niveau B, anspruchsvoller). Formen Sie die Sätze um.
a) Unternehmen automatisieren viele Routineaufgaben. → Passiv: … b) Die Nachfrage nach sozialen Kompetenzen steigt. → Nominalisierung mit „Anstieg“: … c) Die OECD schreibt: „Kognitive Berufe sind stark betroffen.“ → indirekte Rede (Konjunktiv I): Die OECD schreibt, …
Aufgabe 4 — Argumentkette bauen (Niveau B). Verbinden Sie zu einem zusammenhängenden Abschnitt (These → Beleg → Einschränkung → Schluss) mit passenden Konnektoren:
- These: KI verändert kreative Berufe grundlegend.
- Beleg: Routineanteile werden schneller erledigt.
- Einschränkung: die eigentliche kreative Entscheidung bleibt beim Menschen.
- Schluss: Weiterbildung entscheidet über Chancen.
Lösungen
Aufgabe 1. Jana = teils/teils · Pavel = teils/teils · Amira = eher pro · Leo = teils/teils (nutzt dennoch, sieht Nutzen und Grenze).
Aufgabe 2. 1) Jana · 2) Pavel · 3) Leo · 4) Leo.
Aufgabe 3. a) Viele Routineaufgaben werden (von Unternehmen) automatisiert. b) Der Anstieg der Nachfrage nach sozialen Kompetenzen … (z. B. Der Anstieg der Nachfrage nach sozialen Kompetenzen ist deutlich.) c) Die OECD schreibt, kognitive Berufe seien stark betroffen.
Aufgabe 4 (Modelllösung). Einerseits verändert KI kreative Berufe grundlegend, denn Routineanteile werden zunehmend schneller erledigt. Andererseits bleibt die eigentliche kreative Entscheidung beim Menschen. Folglich entscheidet nicht die Technik allein, sondern vor allem die Bereitschaft zur Weiterbildung über die künftigen Chancen.
Anwenden Link zu Überschrift
Vortrag (Vorbereitung auf B2-Sprechen, Teil 1, ca. 4 Min.): Bereiten Sie einen strukturierten Vortrag zu folgender Frage vor:
„KI wird meinen Beruf (oder meinen Wunschberuf) verändern — in welche Richtung?“
Gliederung:
- Einleitung + persönlicher Bezug.
- Beispiele aus dem Arbeitsalltag.
- Stärken der KI in diesem Beruf (mit Beleg).
- Grenzen und Risiken (mit Einschränkung).
- Fazit und eigene Haltung.
Bewertungskriterien (Selbst-/Partnercheck):
- klare Gliederung mit erkennbarer Einleitung und Schluss
- mindestens drei Konnektoren zum Abwägen
- je ein Passiv-Satz, ein Konjunktiv-I-Satz, eine Nominalisierung
- eine belegte These und eine echte Einschränkung
- freies, adressatengerechtes Sprechen (nicht abgelesen)
Anschließend Diskussion zu zweit (ca. 5 Min.):
„KI-Systeme sollten in kulturell-kreativen Berufen nur eine unterstützende, keine gestaltende Rolle spielen.“
Verteilen Sie die Rollen (Befürworter:in / Kritiker:in), reagieren Sie aufeinander und einigen Sie sich am Ende auf einen gemeinsamen Vorschlag.
Prüfung Link zu Überschrift
GER B2 — Modul Sprechen (Teil 1 + Teil 2)
Teil 1 — Vortrag (ca. 4 Min. pro Person). Wählen Sie ein Thema und präsentieren Sie strukturiert Ihre Position:
- A: „Sollten Universitäten das Nutzen von KI-Tools in Hausarbeiten regulieren?“
- B: „Sollte KI in Bewerbungsverfahren zur Vorauswahl von Kandidat:innen eingesetzt werden?“
Teil 2 — Diskussion (ca. 5 Min.). Debattieren Sie die These:
„KI wird mehr Arbeitsplätze schaffen als vernichten.“
Vertreten Sie je eine Seite (Befürworter:in / Kritiker:in), argumentieren Sie mit Belegen und reagieren Sie auf die Gegenargumente.
Punkte-Rubrik (max. 20 Punkte):
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Aufgabenerfüllung / Inhalt (These, Belege) | 5 |
| Struktur & Kohärenz (Konnektoren, roter Faden) | 4 |
| Interaktion (auf Partner:in eingehen, Teil 2) | 4 |
| Wortschatz (Themenvokabular, Redemittel) | 4 |
| Grammatik & Aussprache | 3 |
| Gesamt | 20 |
Bestehensgrenze: 12 / 20 Punkte.
Reflexion Link zu Überschrift
- Ich unterscheide zustimmende, ablehnende und abwägende Positionen und kann meine Einordnung begründen.
- Ich formuliere These, Beleg und Einschränkung mit den passenden Konnektoren.
- Ich verwende sicher Passiv, Konjunktiv I und mindestens eine Nominalisierung.
- Ich halte einen strukturierten 4-Minuten-Vortrag.
- Ich führe eine 5-Minuten-Diskussion und gehe auf mein Gegenüber ein.
Hinweise für Lehrkräfte Link zu Überschrift
Zeitplan (45 Min.):
- Einstieg (7’): Panel-Szene vorlesen lassen, Einstiegsfragen in Paaren, kurzes Blitzlicht im Plenum.
- Input (12’): Vokabeltabelle + Grammatikbox klären; Lesetext D still lesen, danach Kontext E mit Quellenbezug einordnen.
- Üben (14’): Aufgaben 1–2 im Plenum/Paar (schneller), Aufgaben 3–4 einzeln oder in Kleingruppen (langsamer); Lösungen vergleichen.
- Anwenden (10’): Vortrag stichwortartig planen (Mindmap), Diskussion nur anmoderieren — die volle Durchführung folgt in der nächsten Sitzung bzw. als Prüfungssimulation.
- Reflexion (2’): Checkliste ankreuzen, ein Ziel für zu Hause notieren.
Gruppierung: Einstieg und Diskussion in wechselnden Paaren; für Teil 2 heterogene Paare (stärkere/schwächere Sprecher:innen) bilden, damit Interaktion trägt.
Differenzierung:
- Unterstützung: Redemittel aus B als Kärtchen austeilen; Aufgabe 3 mit vorgegebenen Satzanfängen anbieten.
- Erweiterung: schnelle Lernende formulieren zu Aufgabe 4 einen Gegenabsatz (Perspektivwechsel) oder ergänzen ein Zitat aus Kontext E in indirekter Rede.
Fehlerprävention: die KI ist feminin; Anglizismen wie „promptsen“ vermeiden (besser: einen Prompt formulieren); Konjunktiv I nur für indirekte Rede, nicht für eigene Meinung.
Quellen Link zu Überschrift
- Skills in the AI age (OECD Artificial Intelligence Papers No. 60) — OECD (2026), https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2026/07/skills-in-the-ai-age_e8d8c1e6/972bd15e-en.pdf, Lizenz: CC BY 4.0.
- Future Jobs: Robots, Artificial Intelligence, and Digital Platforms in East Asia and Pacific — Weltbank / World Bank (2025), https://openknowledge.worldbank.org/entities/publication/a7c5ad47-3aa6-479e-9c13-d212b9954131, Lizenz: CC BY 3.0 IGO.
- „Es geht nicht darum, was KI uns wegnehmen könnte, sondern welche Chancen entstehen“ — IAB-Forum (2025), https://iab-forum.de/es-geht-nicht-darum-was-ki-uns-wegnehmen-koennte-sondern-welche-chancen-entstehen/, Lizenz: CC BY-SA 4.0.
Alle Lese- und Meinungstexte in dieser Einheit sind Originaltexte der Autorin. Fremde Befunde sind paraphrasiert und mit Quelle und Lizenz gekennzeichnet.
Downloads
Hören
Wortschatz, Dialoge und Texte dieser Einheit als Audio, gesprochen von einer muttersprachlichen Stimme. Der gesprochene Text steht jeweils darunter.
Text anzeigen
die Automatisierung · das Automatisierungspotenzial · die Verdrängung (von Arbeitsplätzen) · die Umschulung / die Weiterbildung · die Schlüsselkompetenz · die Nuance abwägen · ein Segen / ein Fluch sein · etwas in Frage stellen · die Produktivität steigern · unverzichtbar bleiben
Text anzeigen
Journalismus — Jana: „Die Recherche beschleunigt sich, das ist
ein Segen. Aber wenn KI den Kommentar schreibt, verliert die
Zeitung ihre Stimme. Die Grenze ist für mich klar: Fakten sammeln
ja, Meinung formulieren nein.
Übersetzung — Pavel: „Für technische Texte nutze ich KI jeden
Tag; die Zeitersparnis ist enorm. Literaturübersetzung hingegen
bleibt anstrengend persönlich — die Nuance ist nicht berechenbar,
und genau darin liegt mein Wert.
Softwareentwicklung — Amira: „Ich war skeptisch. Heute benutze
ich KI als Partnerin beim Debuggen und bin deutlich schneller.
Was ich vermisse, sind die Kolleg:innen, mit denen ich früher über
jede Zeile Code diskutiert habe.
Theater — Leo: „Ein Schauspiel funktioniert, weil zwischen
Menschen etwas Unberechenbares geschieht. Kein Modell kann das
nachstellen — dennoch könnte KI die Textarbeit vor der Probe
erleichtern. Ersetzen wird sie den Abend nicht.
Text anzeigen
Aufgabenerfüllung / Inhalt (These, Belege) · Struktur & Kohärenz (Konnektoren, roter Faden) · Interaktion (auf Partner:in eingehen, Teil 2) · Wortschatz (Themenvokabular, Redemittel) · Grammatik & Aussprache · Gesamt

