Einheit 7 — Interkulturelle Begegnung: Missverständnisse und Lösungen

GER-Stufe B1 · Goethe-Zertifikat B1 · Modul Sprechen

S. Le Boulanger

Note

Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B1

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Lernziele

  • kann ich in einer kulturell sensiblen Situation ruhig reagieren.
  • kann ich das passende Register wählen (Du / Sie, Schwellenhöflichkeit).
  • kann ich einen Dissens aushandeln, ohne verletzend zu sein.

GER-Ausrichtung

  • Goethe-Modul Sprechen — Teil 1 (gemeinsam etwas planen + aushandeln) und Teil 3 (situationsadäquat reagieren).

Einstiegsgeschichte

Milos und sein neuer Kollege Philippe (aus Fribourg) sitzen beim Mittagessen. Milos hat als Gastgeschenk eine Flasche bosnischen Schnaps mitgebracht und hält sie Philippe entgegen. Philippe schaut irritiert: „Äh, danke — aber ich trinke nichts, was höher als Wein ist. Und überhaupt: bei uns macht man das nicht so offen.” Milos ist verunsichert. Hat er einen Fehler gemacht? Was jetzt?

1. Einstieg

  • Haben Sie selbst schon ein Missverständnis im Alltag erlebt, das kulturell und nicht sprachlich war?
  • Welche „Selbstverständlichkeit” aus Ihrer Herkunftskultur funktioniert im DACH-Raum nicht?
  • Wer bestimmt, wann man vom Sie zum Du wechselt?

2. Input

A. Dialog — „Schnaps oder kein Schnaps?”

Philippe: Ich bin offen gestanden etwas überrascht — wir kennen uns erst zwei Wochen.

Milos: In Bosnien ist so eine Flasche ein Zeichen, dass man den anderen willkommen heißt. Es ist nicht … na ja, es ist nicht als Druck gemeint.

Philippe: Das verstehe ich schon. Nur passt es nicht zu dem, was ich kenne. Wir trinken in der Schweiz zwar auch gern, aber eher später und eher zu Hause. Nicht in der Mittagspause und nicht von einer fast fremden Person.

Milos: Okay. Ich nehme das mit. Möchtest du die Flasche trotzdem — als Souvenir? Oder soll ich sie zurücknehmen?

Philippe: Danke für das Angebot. Ich nehme sie gern — aber ich trinke sie vielleicht nicht. Sie steht bei mir als Erinnerung.

Milos: Abgemacht. Und ich frag beim nächsten Mal vorher.

B. Register-Werkzeugkasten

Funktion Formell-höflich Informell-freundlich
Überraschung ausdrücken „Ich bin offen gestanden überrascht.” „Ich bin echt überrascht.”
Gegenposition nennen „Ich sehe das etwas anders, weil …“ „Ich seh das anders, und zwar …“
Relativieren „Wir können das vielleicht so verstehen …“ „Vielleicht meinst du das so …“
Einigen „Abgemacht — beim nächsten Mal frag ich vorher.” „Okay, machen wir so.”

3. Üben

Aufgabe 1 — Register-Analyse. Sind die folgenden Sätze im Dialog oben höflich oder zu direkt für die Situation (Kollegen, die sich erst seit zwei Wochen kennen)?

  1. „Wir kennen uns erst zwei Wochen.”
  2. „Du trinkst das jetzt, das ist Tradition.”
  3. „Ich nehme das mit.”
  4. „Nein, das passt überhaupt nicht.”

Aufgabe 2 — Umformulieren. Machen Sie den Satz höflicher: „Dein Geschenk ist seltsam.”

Aufgabe 3 — Rollenspielkarten vorbereiten. Schreiben Sie zu zweit zwei Handlungskarten für Teil 1 der B1-Sprechen-Prüfung: Sie planen eine gemeinsame Feier im Team. Vier Leitpunkte:

  • Ort?
  • Datum?
  • Essen?
  • Wer lädt ein?

Lösungen

Aufgabe 1. 1 = höflich (offen gestanden macht Distanz). 2 = zu direkt, direktiver Ton. 3 = höflich (signalisiert Aufnahme). 4 = zu direkt (vielleicht besser: „Das passt für mich nicht ganz, weil …“).

Aufgabe 2. Mögliche Umformulierung: „Ich kenne so ein Geschenk nicht aus meiner Kultur — kannst du mir erzählen, wie man es üblicherweise verwendet?“ — ersetzt Wertung durch Frage.

Aufgabe 3. Karten z. B.: „Vorschlag: Restaurant”; „Vorschlag: Picknick im Park”; „Einwand: zu teuer”; „Einwand: Regenwetter möglich”.

4. Anwenden

Rollenspiel (Paar, 5 Minuten pro Paar):

A: Sie laden B zu einem wichtigen Familienfest ein. B lehnt höflich ab und schlägt einen alternativen Zeitpunkt für ein persönliches Treffen vor. Reagieren Sie auf die Absage ohne Enttäuschung zu zeigen. Einigen Sie sich auf einen Termin.

Achten Sie auf:

  • Einstiegshöflichkeit (Ich wollte dich gern einladen zu …),
  • Relativieren der Absage (Ich verstehe das total),
  • Gegenangebot (Wie wäre es mit …?).

5. Reflexion

Prüfungsbeispiel — Goethe B1 Sprechen, Teil 1

Aufgabenstellung: Sie planen mit Ihrer Prüfungspartnerin / Ihrem Prüfungspartner ein gemeinsames Abschlussessen für einen Sprachkurs. Sprechen Sie darüber und einigen Sie sich auf alle vier Leitpunkte:

  1. Wann (Datum, Uhrzeit)?
  2. Wo (Restaurant, zu Hause, im Park)?
  3. Was essen (Budget, Vorlieben)?
  4. Wer organisiert / wer lädt wen ein?

Dauer: ca. 3 Minuten. Ausgewertet wird entlang der offiziellen B1-Kriterien (Erfüllung, Kohärenz, Wortschatz, Strukturen, Aussprache).

Downloads

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Häufige Stolperfallen

  • „höflich” ≠ „indirekt”. Im DACH-Register gilt Klarheit als höflich, solange Schwellenformeln (offen gestanden, wenn ich darf …) vorausgehen.
  • Du-Angebot geht in der Regel von der älteren / ranghöheren Person aus. Im Berufsleben gilt: nicht ungefragt duzen.

Weiterführende Materialien