Einheit 1 — Neuanfang in Basel

GER-Stufe B1 · Goethe-Zertifikat B1 · Modul Sprechen

S. Le Boulanger

Note

Modell: Einstieg → Input → Üben → Anwenden → Reflexion · GER-Stufe: B1

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Lernziele

Am Ende dieser Einheit …

  • kann ich einen Erfahrungsbericht über Arbeiten im Ausland in seinen Hauptaussagen verstehen.
  • kann ich über meine eigenen Berufserfahrungen zusammenhängend erzählen — was ich mache, wo ich gearbeitet habe, was ich gut finde.
  • kann ich eine kurze Präsentation zu meinem Berufsweg halten und auf Rückfragen reagieren.

GER-Ausrichtung

  • Kompetenzbereich: Mündliche Produktion / Interaktion (selbstständige Sprachverwendung, B1).
  • Goethe-Modul dieser Einheit: Sprechen — Teil 2 (Präsentation zu einem Thema anhand von fünf Folien) und Teil 3 (Feedback und situationsadäquate Reaktion).
  • Zusätzlich rezeptives Gerüst: Leseverstehen auf B1-Niveau (Erfahrungsbericht, ca. 280 Wörter).

Einstiegsgeschichte

Milos Kovač, 34, Maschinenbauingenieur. Geboren in Sarajevo, aufgewachsen in Tuzla. Seit sechs Jahren pendelt er zwischen Bosnien und der Schweiz: Montagmorgen um halb fünf sitzt er im Bus nach Basel, Freitagabend im Bus zurück. Er arbeitet in einem kleinen Ingenieurbüro in Basel-Stadt, das Spezialmaschinen für die Pharmaindustrie konstruiert. Die Arbeit gefällt ihm, das Pendeln nicht mehr.

Letzten Monat hat Milos beschlossen, ganz in die Schweiz zu ziehen. Seine Frau Anisa bleibt noch ein Jahr in Tuzla — sie schreibt ihre Dissertation in Pädagogik zu Ende — und folgt dann nach. Heute ist Milos’ erster Arbeitstag als vollständiger Einwohner von Basel, nicht nur als Pendler. Er hat eine kleine Wohnung in Kleinbasel, einen Fahrradschlüssel, eine Aufenthaltsbewilligung, und ein ungutes Gefühl im Magen.

1. Einstieg

Aktivieren Sie Ihr Vorwissen.

  • Haben Sie schon einmal in einem anderen Land gearbeitet oder wären Sie gerne offen dafür? Was wäre Ihr Wunschland, und warum gerade dieses?
  • Welche drei Dinge würden Sie an einem neuen Arbeitsort zuerst brauchen — noch vor dem ersten Kollegentreffen?
  • Kennen Sie das Gefühl, in einem Land zu arbeiten, dessen Sprache nicht Ihre erste ist? Was hilft, was hindert?

Tipp für den Unterricht: Lassen Sie die Gruppe diese Fragen zu zweit diskutieren, je 3 Minuten. Auf der Tafel sammeln: „Was hilft beim Neuanfang im Beruf?“

2. Input

Milos hat sich entschlossen, seine Erfahrungen auf einem Online-Forum für DaF-Lernende zu teilen. Der folgende Text stammt aus einem Forumsbeitrag, den er dort veröffentlicht hat.

Forumsbeitrag: „Pendelnde Jahre — und was ich gelernt habe”

Seit sechs Jahren fahre ich Montag um vier Uhr siebenundzwanzig mit dem Bus nach Basel. Ich sitze immer rechts hinten, weil da der Platz für die Beine am größten ist, und ich bin ein langer Mensch. Am Anfang habe ich geglaubt, das Pendeln ist eine Übergangslösung. Zwei Jahre, dachte ich, dann ziehen wir alle um. Aber meine Frau hatte ihre Doktorarbeit gerade angefangen, und dann kam die Pandemie, und dann wollten die Schwiegereltern nicht alleine sein — und plötzlich waren sechs Jahre vorbei.

Was habe ich in diesen sechs Jahren gelernt? Drei Dinge.

Erstens: Die Sprache vor Ort macht einen echten Unterschied. Schweizerdeutsch kann ich nicht sprechen, aber inzwischen verstehe ich viel mehr als früher. Meine Kolleg:innen in Basel sprechen Hochdeutsch mit mir, aber in der Kantine, im Tram und beim Bäcker um die Ecke gilt Mundart. Wer nicht wenigstens passiv mit Schweizerdeutsch klarkommt, bleibt Gast.

Zweitens: Fachwissen ist universeller als Sprache. Wenn ich mit einem Konstruktionszeichnungsprogramm arbeite oder eine Maschine teste, verstehen mich die Kolleg:innen sofort. Aber wenn ich mich im Small Talk über das Wetter oder Fussball nicht sicher fühle, wirke ich plötzlich wieder wie ein Anfänger.

Drittens: Man muss beide Länder festhalten. Ich lebe nicht mehr ganz in Bosnien und noch nicht ganz in der Schweiz. Das war lange schwierig, inzwischen finde ich es sogar bereichernd: Ich sehe beides von außen. Und ich weiß jetzt, wie sich ein Amtsbesuch in Basel-Stadt anfühlt, wenn man nur den Basler Dialekt kennt und man selber aus Tuzla kommt. So etwas lernt man in keinem Kurs.

Ab heute bin ich kein Pendler mehr. Meine Wohnung liegt in Kleinbasel, mein Fahrradschlüssel klirrt in der Jackentasche, und meine Frau kommt in einem Jahr. Wenn jemand von euch auch gerade zwischen zwei Ländern schwankt: Haltet durch. Der Tag, an dem man ankommt, kommt.

Wörterliste zum Input

Wort / Ausdruck Erklärung / Beispiel
pendeln regelmäßig zwischen zwei Orten hin- und herfahren
Übergangslösung, die eine vorläufige Lösung, bis es eine bessere gibt
passiv (+ mit X) klarkommen etwas verstehen, ohne es selbst sprechen zu müssen
Mundart, die regionaler Dialekt, hier: Schweizerdeutsch
Small Talk, der lockeres Alltagsgespräch
Aufenthaltsbewilligung, die Dokument, das erlaubt, in einem Land zu wohnen

3. Üben

Aufgabe 1 — Richtig oder falsch? Lesen Sie den Forumsbeitrag noch einmal und entscheiden Sie, ob die Aussagen zu Milos’ Text passen.

  1. Milos fährt seit mehr als fünf Jahren nach Basel.
  2. Er hat ursprünglich geplant, sechs Jahre zu pendeln.
  3. Seine Frau arbeitet in Basel.
  4. Milos findet: Fachwissen hilft bei der Verständigung mehr als perfekte Sprache.
  5. Schweizerdeutsch spricht Milos fließend.
  6. Milos wertet die sechs Pendelnjahre heute positiv.

Aufgabe 2 — Wortschatz in Kontext. Setzen Sie die passenden Wörter aus der Liste oben ein.

  1. Sein Zimmer in Basel war am Anfang nur eine …, später wurde es sein Zuhause.
  2. Im Pausenraum ist der … oft auf Mundart — da muss man mitraten können.
  3. Für die Arbeitserlaubnis braucht man eine …
  4. Ich verstehe das Gespräch, aber ich kann noch nicht aktiv mitreden — mit Schweizerdeutsch komme ich nur … klar.

Lösungen

Aufgabe 1 — Richtig/Falsch.

  1. Richtig. Seit sechs Jahren.
  2. Falsch. Er hatte zwei Jahre eingeplant.
  3. Falsch. Sie schreibt ihre Dissertation in Tuzla.
  4. Richtig. „Fachwissen ist universeller als Sprache.”
  5. Falsch. Er versteht viel, spricht es aber nicht.
  6. Richtig. „bereichernd”, „ich sehe beides von außen”.

Aufgabe 2 — Wortschatz in Kontext.

  1. Übergangslösung
  2. Small Talk
  3. Aufenthaltsbewilligung
  4. passiv

4. Anwenden

Sprechimpuls — Ihre eigene Berufsgeschichte.

Bereiten Sie in 5 Minuten eine kurze mündliche Vorstellung vor:

  • Wer sind Sie beruflich? (aktuelle Tätigkeit oder Studium / letzte Tätigkeit)
  • Wo haben Sie bisher gearbeitet? (1–3 Stationen)
  • Was mögen Sie an Ihrer Arbeit — und was ist schwierig?
  • Wo sehen Sie sich in drei Jahren?

Arbeitsform: Erzählen Sie Ihrer Nachbarin / Ihrem Nachbarn ca. zwei Minuten lang. Danach bekommen Sie eine Rückfrage, die Sie kurz beantworten.

Mögliche Redemittel (B1):

  • Ich arbeite seit … als …
  • Davor habe ich … gemacht.
  • Was mir an meiner Arbeit gefällt, ist …
  • Schwierig finde ich vor allem …
  • In drei Jahren möchte ich gern …

Beispiel-Antwort auf Zielniveau (B1):

Ich heiße Sanela und arbeite seit zwei Jahren als Krankenschwester in einem Kantonsspital in Bern. Davor habe ich in Sarajevo studiert und ein Jahr in einem kleinen Krankenhaus gearbeitet. Was mir hier in Bern gefällt, ist die Teamarbeit. Schwierig finde ich die Schichtarbeit. In drei Jahren möchte ich eine Weiterbildung in Intensivpflege machen.

5. Reflexion

Haken Sie ab, was Sie nach dieser Einheit können:

Was bleibt offen? Notieren Sie in Ihrem Lernjournal einen Satz: Beim nächsten Mal möchte ich …

Prüfungsbeispiel — Goethe B1 Sprechen, Teile 2 und 3

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Formal orientiert am offiziellen B1-Sprechen-Modul (Vortrag + Feedback). Keine Reproduktion echter Goethe-Modellsatz-Aufgaben — Stimulus und Struktur sind original.

Aufgabenstellung (verbatim für Prüfungs-PDF):

Teil 2 — Präsentation. Wählen Sie eines der folgenden Themen und bereiten Sie einen Kurzvortrag (ca. 3 Minuten) vor. Gliedern Sie Ihren Vortrag in fünf Folien:

  1. Einleitung / persönlicher Bezug zum Thema.
  2. Der Hauptteil: Beispiele und Erfahrungen.
  3. Die Situation in meinem Land / meiner Region.
  4. Vor- und Nachteile aus meiner Sicht.
  5. Abschluss / Ausblick.

Thema A: Arbeiten in einem anderen Land — ist das für junge Erwachsene heute eine gute Idee?

Thema B: Wenn Kolleg:innen eine andere Muttersprache haben — wie funktioniert die Zusammenarbeit am besten?

Teil 3 — Feedback und Rückfrage. Nachdem Ihre Partnerin / Ihr Partner präsentiert hat, geben Sie eine kurze Rückmeldung und stellen eine Frage zum Vortrag.

Bewertungskriterien (siehe auch _resources/goethe_format_b1.yml):

  • Erfüllung der Aufgabe — sind alle fünf Folien behandelt?
  • Kohärenz — hängen die Teile zusammen, gibt es Konnektoren?
  • Wortschatz — Spektrum und Beherrschung.
  • Strukturen — Spektrum und Beherrschung.
  • Aussprache — Satzmelodie, Wortakzent, einzelne Laute.

Erwartungshorizont (Auszug, Thema A)

Ein gutes B1-Niveau würde für Thema A mindestens enthalten:

  • eine persönliche Anbindung („Ich kenne jemanden, die / ich selber habe einmal …“),
  • zwei konkrete Beispiele (Familie, Freund:in, eigene Erfahrung, Medienbericht),
  • einen Hinweis auf Unterschiede zwischen Ländern,
  • mindestens einen Vorteil und einen Nachteil mit Begründung („weil …“, „das führt dazu, dass …”),
  • einen klaren Abschluss („Meiner Meinung nach lohnt sich das, wenn …“).

Typische Schwächen auf B1: reine Aufzählung ohne Konnektoren; keine Ich-Perspektive; Wiederholung statt Variation im Wortschatz.

Downloads

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Häufige Stolperfallen

  • „pendeln” ≠ „reisen”. Pendeln impliziert Regelmäßigkeit und einen Arbeitsweg. Wer einmal im Jahr nach Basel fährt, reist — pendelt aber nicht.
  • „passiv verstehen” auf B1 wird oft mit „passiv lernen” verwechselt. Gemeint ist: man versteht eine Sprache rezeptiv, produziert sie aber nicht.
  • Präsens Perfekt vs. Präteritum bei biografischer Erzählung: B1-Lerner:innen tendieren zum Perfekt in der gesprochenen Variante und wechseln beim Schreiben unsicher in den Präteritum. Tipp: in der Präsentation konsequent Perfekt benutzen („Ich habe gearbeitet, habe gelernt, habe erfahren”).

Weiterführende Materialien